Savages flogen nach Berlin: Etwas, das bleibt

Savages

Am Eingang vom Lido hängt ein unscheinbarer Din-A4-Ausdruck, eine persönliche Mitteilung der Band: Man solle bitte sein Handy »stumm schalten« und auf Fotos verzichten, danke. An diesem Abend soll nämlich alles stimmen. Als man reinkommt, füllen schon Bässe den Saal, die ein bisschen beunruhigen, einen also schon mal in die passende Stimmung versetzen wollen. Ja, so ein Konzert soll, nein, muss, so die Band, wieder eine echte Erfahrung darstellen. Etwas, das bleibt, worüber man noch Monate später spricht. Alles, bloß nicht eine weitere »unterhaltende« Abendveranstaltung. Denn bevor es losgeht, erklärt mir noch schnell eine Bekannte: »Nein, bei den Savages geht es nicht um mediale Kontrolle. Die sagen, man soll sich auf die Konzerterfahrung konzentrieren, sich nicht ablenken lassen.«
   Dann betreten vier junge Frauen, alle in schwarz, schon jetzt unter euphorischem Jubel die Bühne. Sängerin Jehnny Beth sieht irgendwie freundlicher aus als auf den Bildern von Kevin Cummins für die aktuelle Ausgabe von SPEX. Man schaut auf sie, wie sie sich bewegt, welche Gesten von Ian Curtis sie am besten draufhat. Ihre Eigenart, der gleichzeitig steifen und freien Bewegung, die natürlich von eben jenem inspiriert ist. Für den Rest des Abends wird sie so mit gebeugten bis wippenden Unterarmen eine Art Fausttanz aufführen. Alles sehr kontrolliert, deswegen aber nicht weniger stimmig.
   Man blickt auf die anderen drei, die mehr in ihrer eigenen Welt spielen: Gitarristin und Mastermind Gemma Thompson, deren langer Pony ihre Augen verdeckt, die auf die Gitarrensaiten schauen. Schlagzeugerin Fay Milton, die sehr feinsinnig die Hit-Hat streichelt. Bassistin Ayse Hassan, dicht am Bühnenrand stehend; nach den ersten drei Songs weiß man, dass es ausgezeichnete Musikerinnen sind. Bis jetzt hat auch noch niemand sein Smartphone gezückt.
  Live wird noch mehr klar, dass es bei dieser Musik immer nur um das richtige Gefühl geht. Die Musik wird einem höheren Zweck geopfert. Es geht nicht mehr um gute Gitarrenriffs oder Bassläufe, sondern darum, eine passende Stimmung zu erzeugen, und dass die Stimmung sehr dunkel ist, passt nun mal zum evolutionskritischen Ansatz der Band. Neue Songs, wie das Stück »Fuckers«, funktionieren sofort, weil sie simpel und effektiv sind.

Ist richtig, ist laut, macht Spaß. Bald darauf aber kurze Ernüchterung: die Erkenntnis, dass es »dann doch« nur eine weitere Band ist. Vielleicht, weil alles so routiniert gespielt, durchkonzeptionalisiert, insgesamt fehlerfrei ist. Aber am ehesten, weil die Erwartungen so hoch gesteckt waren: Das verrückt gute Album, das natürlich ein Konzeptalbum ist und davon handelt, die Macht über das Leben wiederzuerlangen, selbstbestimmt zu sein, den Stimmen, die einem diktieren wollen, wie man zu leben hat, das Maul zu verbieten. Die makellose, runtergefahrene Ästhetik der Band, die man aus den bisher wenigen und nur von selbst ausgewählten Regisseuren gedrehten Live-Videos kannte, hat eine Fiktion um diese Band erzeugt, gegen die die sogenannte Realität an diesem Abend nicht so recht ankommt.
   Dann gibt es wieder solche Momente, in denen doch mehr möglich scheint. Solche Momente, in denen doch noch etwas Unerwartetes passiert, zum Beispiel als Sängerin Jehnny Beth sich gegen Mitte des Konzerts, im Instrumentalpart des Songs »Waiting For A Sign«, in ein Gespenst verwandelt, mit bedachten Schritten und in Zeitlupe um ihre Musikerinnen herum schleicht.

Klar ist: Die Menschen, die am Freitagabend im Lido waren und nach jedem Lied ein Jubelmeer bilden, am Ende des Konzerts mehr als fünf Minuten nicht aufhören, zu stampfen, zu klatschen und zu rufen, bevor dann doch die Lichter angingen, sie wollen nicht bloß eine weitere gute Band. Sie sind gekommen, um mal wieder eine echte musikalische Erfahrung zu erleben, sich begeistern zu lassen, und man könnte sogar sagen, dass der ein oder andere kam, um bei den Savages nach so etwas wie Orientierung zu suchen, in seinem verwirrten Leben. Sie sind gekommen, nicht nur, weil sie sich nach dem Post-Punk-Lebensgefühl gesehnt haben, das die Savages ein bisschen wiederbelebt haben, sondern weil sie sich insgesamt mit der Band und deren Message identifizieren können: Rückzug, Fokus, Würde, Selbstbestimmung. Fang mit dem wesentlichen Leben an, keine Ablenkung mehr!

Später, in der Bar nebenan: noch ein paar Jehnny-Beth-Lookalikes.

1 KOMMENTAR

  1. Savages? Use Your Mind! Seht euch mal das an … Keine Eigenpromo in den Kommentaren, bitte. Die Redaktion.

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