Sam Vance-Law „Homotopia“ / Review

Sam Vance-Law entpuppt sich auf seinem Debüt Homotopia als großartiger Entertainer. Bleibt nur die Frage, was er sein will. Typ im Frack, der eine Spreefahrt beschallt? Oder Musiker, der zu seiner eigenen Stimme steht?

Sam Vance-Laws geheime Superpower ist unbestreitbar seine Stimme als Erzähler. Nichts Geringeres als ein „schwules Manifest“ will er mit seinem Debütalbum Homotopia abliefern – und bezirzt schon ab dem ersten Song. Dort singt er über eine erste schüchterne Annäherung auf einem Schulball, bis hin zur ersten blutigen Nase, die ihm der ältere Bruder seines vernachlässigten prom date vepasst. Man merkt gleich: Vance-Law will neue Narrative abseits der queeren Kategorien Coming-of-Age, Stolz- oder Opfergeschichte schaffen. Seine Chancen stehen gut. Er erzählt charmant, mit viel Humor und wahnsinnig pointiert. Nun muss er bloß noch seinen Hang zur musikalischen Überdramatik loswerden.

Hier! Hier! Schau mich an!

Denn Vance-Law tut sich schwer damit, den inneren choir boy aus seiner Zeit beim Oxforder New-College-Knabenchor mit dem Typen zu versöhnen, der mit Mac DeMarco säuft. True story! Wohlwollende Beobachter könnten Homotopia einfach bei Kammerpop einsortieren und den Fall zu den Akten legen. Aber auch Kammerpop hat man schon besser gehört. Nicht zuletzt bei Konstantin Gropper alias Get Well Soon, der hier als Koproduzent auftritt. Anders als dessen eigene Songs bricht Homotopia ständig mit allem, was es gerade erst als Stil herausgearbeitet hatte. Hinzu kommt ein Vokabular an affektierten Dramaphrasen, die Vance-Law gar nicht nötig hätte. Keine erzählerische Wende vollzieht er ohne Streicherpizzicato.

Offenbar traut der Künstler seinem Publikum nicht über den Weg. Er braucht das Augenzwinkern, um sicherzugehen, dass seine Pointen auch verstanden werden. Von flirrenden Arrangements bis zum schweren Schunkelwalzer – alles schreit: „Hier! Hier! Schau mich an!“ Dabei hätte Homotopia weniger musikalischer Schnickschnack und mehr Vertrauen in die Stärke der eigenen Texte gut getan. Denn als Entertainer ist Sam Vance-Law großartig. Bleibt nur die Frage, was er sein will. Typ im Frack, der eine Spreefahrt beschallt? Oder Musiker, der zu seiner eigenen Stimme steht?

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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