Saint Thomas

Gelegentlich kommt man in die Situation, im Morgengrauen in einem WG-Zimmer oder einer Küche zu sitzen, und jemand greift zur Gitarre und beginnt ein paar selbst geschriebene Songs zum Besten zu geben. In etwa 50 Prozent der Fälle fällt später auf dem Heimweg zwischen denen, die anwesend waren, folgender Satz: »Warum hat der/die eigentlich keinen Plattenvertrag, aber (hier wahllos einen möglichst unbeliebten Künstler einfügen) schon?« Saint Thomas macht auf seinem neuen Album »There’s Only One Of Me« den Eindruck eines solchen Küchen-Musikers: Nett und ein wenig kauzig, den Songwriter-Blick auf den eigenen Alltag gerichtet, über den er mit leisem Bedauern zu staunen scheint. »Ich bin selbst der größte Fan meiner Musik«, hat der singende und Gitarre spielende Ex-Postbote mal dem Hamburger Mädchen erzählt, um dessen Sofa es in dem Stück »After The Show« meiner Meinung nach geht. »There’s Only One Of Me« macht es allerdings auch dem Rest der Welt nicht sonderlich schwer, ein bisschen zum Fan zu werden. Saint Thomas‘ tragische Außenseiter- und Loser-Geschichten wechseln zwischen durchaus rührenden und leicht bekloppten, selbstmitleidigen Momenten. Musikalisch wirkt Saint Thomas wie ein Nick Drake in einem Gorilla-Kostüm und interpretiert die zart besaitete Melancholie des Über-Vorbilds aller Neo-Folker und Alterna-Songwriter mit tapsigerer Prozac-Geste. Das ist nicht schlecht und auch gar nicht unangenehm ironisch, lediglich auf Dauer ein wenig monochrom, und Saint Thomas‘ wankende, gern auch fast quietschende Stimme fügt den eigentlich recht übersichtlich gehaltenen Arrangements ein nicht zu unterschätzendes enervierendes Moment hinzu. Irgendwie gewöhnliche und trotzdem ein bisschen sonderbare Musik. Gut im Walkman sonntagmorgens um sechs.

LABEL: Make My Day Rec.

VERTRIEB: Alive

VÖ: 25.12.2006

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.