Sadik Al-Azm – „Das blonde Biest ist erschöpft“

Foto: Christoph Mack

Vergangenen Mittwoch verstarb Sadik Al-Azm im Alter von 82 Jahren in Berlin. Als wir den syrischen Philosophen und Menschenrechtsaktivisten Ende 2015 trafen, war seine Heimat längst zu einem unübersichtlichen Trümmerhaufen geworden – und dennoch wirkt das Gespräch angesichts der Ereignisse des laufenden Jahres heute wie aus einer anderen Zeit. 

Als wir Sadiq al-Azm zum letzten SPEX-Gespräch baten, geschah dies im Nachhall des sogenannten Arabischen Frühlings. Zwar deutete sich das Chaos, in dem die Heimat des syrischen Philosophen versinken sollte, bereits damals an, das Gespräch war aber noch von Hoffnung geprägt. Ganz anders die Voraussetzungen nun: Al-Azm beschreibt, warum einige Syrer aufgrund der Anschläge von Paris „Schadenfreude“ empfinden könnten. Seine Einblicke in das syrische Drama offenbaren den Zynismus von Großmachtpolitik und Krieg.

Sadik al-Azm, vor dreieinhalb Jahren sagten Sie im SPEX-Gespräch, dass ein Bürgerkrieg das Worst-Case-Scenario für Syrien wäre. Mittlerweile sind mehr als 250.000 Syrer im Bürgerkrieg gestorben.
Ich glaube nicht, dass wir in Syrien bereits einen Bürgerkrieg haben. Es könnte einer werden, aber es ist noch keiner.

Wie das?
Betrachten wir zum Vergleich zwei Nachbarländer Syriens, Libanon und Irak. Im Libanon mobilisierten sich verschiedene Gemeinschaften wie Ethnien oder religiöse Sekten und kämpften gegeneinander. Maroniten gegen Drusen, Schiiten gegen Palästinenser … Keine Regierung, keine Armee war involviert. Das kann man als Bürgerkrieg bezeichnen. Im Irak löste die US-amerikanische Besatzung die irakische Regierung und Armee auf. Sie ließ die einzelnen Komponenten der Bevölkerung – die Sunniten, Schiiten und Kurden – zurück. In Syrien ist das noch nicht der Fall. Der Hauptakteur ist immer noch das Regime.

„die US-amerikanische Realpolitik erschuf den Platz, die Zeit und den Hass für etwas wie den IS.“

Derartige Feinheiten in der Begrifflichkeit einmal außen vor: Ist das, was wir in Syrien im Moment erleben, trotzdem das Worst-Case-Scenario, von dem Sie vor vier Jahren sprachen?
Ja, natürlich, das ist es.

Allerdings hatten Sie damals noch Hoffnung in die Stärke der syrischen Zivilbevölkerung.
Und die habe ich immer noch. Die Unterdrückung des Aufstands des syrischen Volks durchwanderte mehrere Phasen: Die erste Phase war während des „Arabischen Frühlings“. Diese Phase war friedlich, wurde aber schnell zu dem, was die Amerikaner als shock-and-awe bezeichnen, also eine massive Verunsicherung des Gegners mit militärischen Mitteln. Von Anfang an versuchte die Regierung, das Volk einzuschüchtern. Dies kulminierte in dem Massaker von Homs. Die Schockmethode funktionierte aber nicht. Der Aufstand intensivierte sich. Das Regime ging in die zweite Phase, die man mit der Strategie des ehemaligen chilenischen Diktators Pinochet vergleichen kann. In dieser Phase wurden Schulen, Krankenhäuser, Fußballplätze und Stadien in Gefängnisse verwandelt. Die Menschen wurden grundlos eingesperrt und gefoltert. Trotzdem hörte der Aufstand nicht auf und das Regime ging in die dritte Phase, die man als »Samson-Phase« bezeichnen könnte.

Nach Samson aus dem Alten Testament?
Genau. Nach dessen Vorbild brachten sie den Tempel über den Köpfen ihrer Leute und sich selbst zum Einstürzen. Das war der Moment, als die syrische Regierung komplette Dörfer zerstörte. Sie zündete Wälder und Felder an und bombardierte Krankenhäuser, Bäckereien, Universitäten und so weiter. Der Höhepunkt dessen waren die Giftgasattacken des Regimes. Aber immer noch konnten sie die Aufständischen nicht stoppen. Also brachten sie die Hisbollah aus dem Libanon und die schiitischen Milizen aus dem Irak, und das militärische Establishment sandte Truppen. Trotzdem konnten sie den Aufstand nicht unterdrücken. Schließlich startete Russland seinen Luftangriff. Letztendlich ist dies eine Ehre, da es zeigt, wie unaufhaltbar und tief verwurzelt der Aufstand ist.

Was halten Sie von der russischen Militäroffensive?
Sie macht bisher keinen Unterschied. Ich denke, dass die Russen kein primäres Interesse an Syrien haben – anders als die USA und der Westen. Es wäre schwierig, das Entrepot am Mittelmeer als grundlegendes Interesse der Russen zu bezeichnen. Vielmehr wollen sie sich anhand von Syrien als Supermacht behaupten. Es ist eine gute Möglichkeit und Entschuldigung, neue Waffen zu testen. Sie zeigen dem Westen, dass sie aus 500 Meilen Entfernung treffsicher auf Syrien schießen können. Und sie werden nun zu allen Verhandlungen eingeladen, da Syrien immer auf der Tagesordnung steht.

Bezüglich der religiösen Situation in Syrien, sagten Sie vor dreieinhalb Jahren einen kommerziell ausgerichteten Islam der Mitteklasse voraus, womit man den sogenannten Islamischen Staat nicht bezeichnen könnte.
Nein (lacht), gewiss nicht. Aber der „good-for-business-Islam“ ist immer noch in manchen Bereichen in Syrien vorhanden, etwa bei der Mittelschicht in Damaskus. Und ich glaube, er wird wieder erstarken, sobald der Krieg endet und der Wiederaufbau beginnt. Diese Art des Islam ist nicht ideologisch, aber gut für Geschäftsbeziehungen. Viele bereichern sich am Krieg. Es ist ein Geschäft – und Geschäftsmänner betrachten sich als gute Muslime.

Auch der sogenannte IS betreibt ein weltweit gut vernetztes Geschäft mit dem Terror.
Nun, der IS ist ein Ableger, eine Nebenwirkung, oder – wie es die Amerikaner sagen: ein Kollateralschaden. Der IS resultiert aus Obamas Realpolitik: „Lasst Syrien bluten“. In der US-amerikanischen Sichtweise gibt es in Syrien nur antiwestliche Kräfte, die sich alle gegenseitig bekämpfen. Also warum eingreifen? Das Gleiche wie in Israel: Lasst sie sich gegenseitig töten und in Stücke reißen.

Glauben Sie, die jetzige Situation wurde von den USA angestrebt?
Es wurde natürlich niemals öffentlich ausgesprochen, aber die US-amerikanische Realpolitik erschuf den Platz, die Zeit und den Hass für etwas wie den IS.

Was erhoffen Sie sich aus den Ergebnissen der Syrienkonferenz, die am 14. November in Wien stattfand?
Das Model dafür ist das Abkommen von Dayton, bei dem der damalige US-Präsident Clinton die Bosnier und Milošević in Dayton sozusagen einsperrte und so lange gewartet wurde, bis weißer Rauch aufstieg. Aber Milošević wurde mit Gewalt dazu gebracht. Hoffentlich machen die Russen nun dasselbe mit Assad.

Noch steht Russland aber doch auf der Seite des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad.
Nun, ja, sie sind auf der Seite Assads, aber sie könnten genauso gut einen Deal mit den Amerikanern machen. Großmächte können schnell Charaktere wie Assad oder Milošević ausliefern. Assads Rhetorik bisher ist, dass es keine politische Lösung gibt, solange der Terrorismus nicht besiegt ist. Mit Terrorismus meint er die Aufständischen. Auf der anderen Seite sind die Saudis sehr standhaft und sagen, dass eine Lösung mit Assad nicht zu akzeptieren ist. Außerdem werden die syrischen Oppositionellen nicht an Verhandlungen teilnehmen, solange sie nicht mitentscheiden können, wer sie am Verhandlungstisch vertritt.

So zynisch es klingen mag: Erwächst aus Anschlägen wie dem Terror von Paris nicht auch eine Chance für Syrien?
Die Anschläge erschaffen eine zweideutige Situation: Assad sagt, dass Terrorismus Frankreich und Europa erreicht und deswegen nun alle zu ihm halten sollen, um die Aufständischen niederzuschlagen. Auf der anderen Seite gibt es das Argument, dass Assad der Magnet ist, der all die ausländischen Kämpfer nach Syrien bringt. Demnach wäre es die einzige Lösung, ihn loszuwerden. In Wien wurde entschieden, Assad vorerst in seiner Position zu belassen. Aber der Teufel liegt im Detail. Das ist gewissermaßen das, was die Amerikaner als „Constructive ambiguity“ bezeichnen. Es gibt eine konstruierte Zweideutigkeit. Das Kräfteverhältnis zwischen Kämpfern und Gesetz wird die Richtung vorgeben. Nach meiner Intuition kann die Assad-Dynastie Syrien nie wieder regieren. Assad hat den Iranern und den Russen nichts anzubieten.

„Anschläge füttern die extreme Rechte mit weiterer Munition.“

Um noch mal auf die Anschläge von Paris zurückzukommen: Es wurden Pässe verschiedener arabischer Nationalitäten gefunden, die wahrscheinlich von den Tätern stammen. Wie werden sich die Vorfälle nun auf die Flüchtlingspolitik und den ohnehin schon vorherrschenden Fremdenhass in Europa auswirken?
Die Anschläge füttern die extreme Rechte mit weiterer Munition.

Glauben Sie an einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen von Paris und der aktuellen Flüchtlingspolitik in Europa?
Ich glaube, man sollte in der Bewertung der Gesamtlage nicht zu viel auf die Anschläge von Paris und die dort gefundenen syrischen Pässe setzen. Es gab solche Anschläge bereits vorher: Charlie Hebdo, Madrid, Mumbai, 9/11 … Diese Leute müssen nicht warten, um sich über Flüchtlingsrouten nach Europa zu schleichen.

Sie und Ihre Frau sind seit 2012 selbst anerkannte Flüchtlinge in Deutschland. Fühlen Sie sich als Syrer in Deutschland bedroht?
Nein. Ich bin sehr dankbar, hier zu sein und fühle mich sehr willkommen. Wir sind schon lange hier. Die letzten Familienmitglieder meiner Frau kamen mit den ersten 10.000 syrischen Flüchtlingen, die Deutschland aufnahm. Wenn es irgendeine Gefahr für uns gibt, dann ginge sie von den Schergen des syrischen Regimes aus. Aber ich möchte noch etwas zu den Anschlägen von Paris anfügen: Ein Problem, das viele Syrer dazu veranlasst, „Schadenfreude“ gegenüber den Europäern zu empfinden, ist: Wenn über „Terrorismus“ diskutiert wird, dann beziehen sich insbesondere die Russen, Iran und Assad auf die Aufständischen. Aber Hisbollah wird nicht erwähnt, obwohl sie auf der Schwarzen Liste der Terrororganisationen stehen. Als sie nach Syrien kamen, sagte niemand etwas. Alle haben weggesehen. Die Definition von Terrorismus wird von Politikern nach Gutdünken ausgeweitet. Der Begriff ist ein politisches Instrument.

Sie haben lange in Beirut gelebt und gearbeitet. Einen Tag vor den Anschlägen in Paris wurden auch in Beirut über 40 Menschen bei zwei Bombenexplosionen getötet. Die Anteilnahme war in der westlichen Welt bei Paris weitaus höher. Wenn man so was überhaupt vergleichen kann: Welcher der beiden Anschläge – Beirut oder Paris – schmerzt Sie persönlich mehr?
Beide Anschläge schmerzen mich zutiefst, da es in beiden Fällen unschuldige Menschen getroffen hat. Aber die Anschläge in Paris sind meines Erachtens drastischer. Im Libanon wurden Gebiete getroffen, die mit der Hisbollah sympathisieren. Kein Viertel in Paris hat offen ausgesprochene Sympathien mit Assad, Hisbollah oder Ähnlichem. Die Anschläge dort waren wahllos. In Beirut kann man rationale Gründe suchen. In Paris ist es höchstens der Grund einer kollektiven Rache.

Glauben Sie an die Gründe, die der IS selbst im Bekennerschreiben genannt hat. Das Treffen eines Sündenpfuhls?
Das sind Rechtfertigungen, die dazu da sind, Rekruten anzuziehen.

Gehen deswegen junge Europäer nach Syrien oder den Irak, um mit dem IS zu kämpfen?
Viele sind Deutsche mit Migrationshintergrund. Manche sind aber auch Deutsche ohne Migrationshintergrund. Diese waren früher vermutlich sehr linkspolitisch eingestellt und vom Zusammenbruch der Sowjetunion und dem zerstörten sozialistischen Traum enttäuscht. Sie sehen den IS als eine Macht, die den Imperialismus und den Westen bekämpft und schließen sich ihr deswegen an. Es zirkulieren solche Ideen in linken Kreisen. Wer auch immer den Imperialismus bekämpft, wird unterstützt. Manche unterstützen sogar Assad, weil sie sagen, er bekämpfe den Imperialismus.

Wenn Sie jemanden treffen würden, der den IS oder die Nusra-Front unterstützen will, was würden Sie ihm oder ihr sagen?
Wenn er oder sie seine Entscheidung bereits getroffen hat, kann man ihn oder sie nicht aufhalten. Wenn ich jedoch jemanden treffen würde, der die Taten des IS und der Nusra-Front rechtfertigt, dann kann es noch eine Diskussion geben. Aber ich habe bisher niemanden von ihnen kennengelernt. Ich lese gerade das Buch Der Geist des Terrorismus des französischen Denkers Jean Baudrillard. Schon der Titel ist radikal, da er dem Terrorismus Geist zuspricht.

Ersetzt etwa der Terrorismus die fehlende gelebte Religion in Europa?
Alle glauben, das Fehlen von Religion hat in Europa die Religionskriege gestoppt (lacht) und zum sozialen Frieden beigetragen. Jean Baudrillard aber verteidigt die Terroristen des 9/11.

Wie genau?
Um es in Nietzsches Worten zu sagen: Das blonde Biest ist erschöpft, und nun haben wir ein neues, noch rohes, barbarisches Biest. Es ist braun oder schwarz. Das hat etwas Rassistisches. Das blonde Biest war Europa und sein Kolonialismus. Das braune war Al-Qaida – und das schwarze ist der IS.

Dieses Interview ist in der Printausgabe SPEX No. 366 erschienen. Das Heft kann weiterhin versandkostenfrei online bestellt werden.

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