Künstlerische Parzellen in ihrem eigenen Universum – Ruhrtriennale 2018 in der Rückblende

Laurie Anderson – „The Language oft he Future“ / Foto: Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale

Der Beginn einer neuen Intendanz wirft für den Nimbus der Ruhrtriennale gewöhnlich eine Menge Fragen auf. Kann das hohe Niveau auch im Jahr 2018 beibehalten werden, setzt es spannende Implikationen oder bewegt sich doch alles mehr in gefälligere, konservative Richtungen? Eine Rückschau.

Nun, mit Abstand einen knappen Monat im Nachhinein betrachtet ist der Bilanz der ersten Amtszeit von Stefanie Carp kein Wertverlust zu bescheinigen. Aber auch keine umwälzende Neuorganisation. Die künstlerischen Themenkomplexe stecken in üblichen Gerüsten fest, deren großes Pfund natürlich Neueinspielungen von herausragenden Werken der Musikliteratur des 20. Jahrhunderts sind.

Das heurige Spektakulum solcher Art Wiederbegegnung nahm sich gleich zweier musikalischer Giganten an, um sie vom Ruch der Vergangenheit zu befreien und inszenatorisch in ein aktuelles Licht zu setzen. Wobei der Fantasie anhand des unvollendeten, nur in Skizzen existierenden Stücks „Universe Symphony“ von Charles Ives von vornherein freien Lauf gelassen wird. Der von Musikwissenschaftlern kultig verehrte US-Komponist aus Neuengland verfügte nämlich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, dass nachfolgende Generationen sich seiner Gedanken zu einem Modell von utopischen Dimensionen bemächtigen dürfen, um das unrealisierte Projekt endlich auf die Beine zu stellen. Dieses Dekret ist natürlich für viele eine Aufforderung, eigene Visionen umzusetzen. Und Christoph Marthaler nutzte für seine Version der Ives-Fragmente unter dem Titel „Universe, Incomplete“ die komplette Fläche der riesigen Bochumer Jahrhunderthalle, um zusammen mit seinem Team eine Bühneninstallation zu gestalten, die in der Tat alle Maßen sprengte. Ihm gelang dabei eine bestechende Form, indem er zahlreiche von Sängern, Chören und Instrumentalisten ausgeführte Werke von Charles Ives artikulieren ließ und gemeinsam mit exzellent auftrumpfenden Schauspielern vielerlei kurzweilige Episoden gestaltete, die sich gewissermaßen zu einer universellen Einheit fügten. Eine Musiktheater-Kreation, die aus der Gegenwart heraus eine Zukunft imaginierte und gleichsam aus der Zukunft zurückblickte, um menschliche Symptome zwischen Schmerz und Freude, zwischen Empfindsamkeit und Vernunft heraufzubeschwören.

Das zweite großformatige Musiktheaterstück, „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze, hatte gegenüber der Marthaler-Kopfgeburt eine weitaus realistischere Aura zu eigen, die in etwa auch dem thematischen Überbau des Festivals „Zwischenzeit?“ entsprach, welches sich den großen zivilisatorischen Problemen unserer Zeit widmete – wie zum Beispiel Vertreibung und Migration. Viele künstlerische Ausdrucksformen, seien es Tanz-Performances, bildende Künste, Schauspiel-Aufführungen oder zahlreiche intermediäre Projekte setzten sich damit auseinander.

Henzes Oratorium nahm in diesem Kontext eine gesonderte Position ein, zeichneten sich doch mit der Dramatisierung der wahren Geschehnisse der Fregatte „Medusa“, die 1816 kenterte und 150 einfache Seeleute ihrem Schicksal überlassen wurden, nachdem zuvor höher gestellte Offiziere und Kaufleute durch Rettungsboote in Sicherheit gebracht worden sind, allzu deutliche Bezüge zur aktuellen Flüchtlingssituation ab. Der ungarische Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczò gestaltete aus diesem Stoff eine äußerst disziplinierte Konzertfassung von beklemmender Intensität, in der Hans Werner Henzes Vorstellung, mit seiner Komposition den Entrechteten und Unterdrückten eine Stimme zu geben, die „Opfer der Herzlosigkeit von Egoisten aus der Welt der reichen und Mächtigen“ wurden, voll zum Tragen kam. Irgendwie wurde mit der Aufführung der Wert der „Medusa“ ein weiteres Mal rehabilitiert, nachdem ihr nach dem Eklat bei der Hamburger Uraufführung ein schlechter Ruf vorausgeeilt war.

„Universe, Incomplete“ in der Inszenierung von Christoph Marthaler / Foto:
Walter Mair/Ruhrtriennale

Aber schwer einzuschätzende Unwägbarkeiten scheinen auch heute an der Tagesordnung zu sein. Auffallend viele Produktionen wurden bei der Triennale zurückgezogen, die nicht nur krankheitsbedingte Ursachen hatten. Außerdem sorgte das Hickhack um die BDS-Zugehörigkeit der Young Fathers für reichlich Zündstoff. Auch Elliott Sharp gehört dieser Organisation an, die das Ziel einer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Isolation Israels verfolgt. Davon war bei der Präsentation seiner Opern-Installation „Filiseti Mekidesi (In Search Of Sanctuary)“ in künstlerischer Hinsicht zwar nichts zu spüren. Aber die große Offenbarung war’s auch nicht. Sharp, dem die Musikwelt als Vorreiter fein ausgeklügelter Jazz-Avantgardismen etliche Sternstunden zu verdanken hat, schuf hier in Form einer klangtechnisch multiplen Meditation einen Schutzraum (Filiseti), der als Zufluchtsort von Migration (Mekidesi) dient, beides Begriffe in amharischer Sprache, die in Äthiopien und Eritrea beheimatet ist, wo die Wiege der Menschheit liegen soll. Um davon eine Ahnung zu bekommen, musste man schon ausführlich Elliott Sharps Erläuterungen dazu studieren, die Produktion veranlasste eher zum Umherirren oder stillen Verharren in der dunklen, karg ausgestatteten Bochumer Turbinenhalle. Erkenntnisgewinne eines gefahrlosen, sicheren Raums für Schutzsuchende als Spiegelbild evolutionärer Menschheitsprozesse konnten kaum vermittelt werden. Zumal auch die Musik alles andere als mitreißend war.

Es bleibt als Trostpflaster die verfremdete Sprache der Zukunft, die sich aus phonetischen Materialien der Vergangenheit erhebt. Eine Zwischenebene (Zwischenzeit?) als Zustand von alter (melodischer Rhythmus, Gesang und gemütlicher Plauderton) und neuer (Roboterartiges, Vocoder, Pillow Speaker) weiblicher Sprache − die Welt der Laurie Anderson. Mit ihrem aktuellen Programm „The Language Of The Future“ gastierte sie jetzt in der Essener Lichtburg. Mutterseelenallein auf der Bühne modulierte sie auf ihre eigene unnachahmliche Weise sehr private Textinhalte, die Anekdotenhaftes mit multimedial formulierten Träumereien kombinierten. Eine weitere künstlerische Parzelle aus ihrem eigenen Universum als fortwährender work in progress. Insofern obliegt ihre universale Sprache stetigen Veränderungen und bleibt damit im Grunde auch irgendwie unvollendet.

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