Ruhrtriennale 2014

Ausnahme-Event »Surrogate Cities Ruhr«: imaginäre Millionenstadt als polyzentrische Metropole   ​FOTO: Mathilde Monnier

Kultur und Industrie, Kunst und Raum: Die Ruhrtriennale zeigt auch 2014 neue Möglichkeiten der Verschränkung wie der Intensivierung dieser auf. Joachim Ody hat das umfangreiche und namhafte Programm für uns gesichtet, um seine zahlreichen Höhepunkte herauszustellen.

Gewohnte hohe Qualität an denselben faszinierenden Stellen. Das lässt sich bereits als vorläufiges Fazit feststellen, wenn man in Sekundenschnelle vom diesjährigen Programm der Ruhrtriennale Notiz nimmt – und dabei sofort der ein oder andere Name ins Blickfeld gerät, der sich nicht selten als hochkarätig erweist.

Mit der Ruhrtriennale 2014 werden mal wieder eindeutige Spuren gelegt zu künstlerischen Herausforderungen in den Bereichen Musiktheater, Tanz, Performance, Konzert, Film und zeitgenössische Kunst, die am Beispiel der Ruhr-Region und ihrer Industriekultur an exzeptionellen Orten Polaritäten zwischen ausführenden Künstlern und Räumen bzw. Räumlichkeiten herstellen, etwa inmitten offener Industrielandschaften oder in Spielstätten in stillgelegten Zechanlagen, ehemaligen Produktionshallen. Eine Art Symbiose oder Transformationsprozess von musikalischen Werken oder bildender Kunst, die ihren angestammten Plätzen wie Museen oder traditionellen Konzerthäusern enteignet und in eine vollkommen andere Architektur gesetzt werden, zeichnet dabei einen Großteil der Ruhrtriennale-Produktionen aus.

Das hat sich in der Intendanz von Heiner Goebbels, der in diesem Jahr zum letzten Mal anhand einer klugen, wie auch spektakulären, Aufsehen erregenden Auswahl von Musik und künstlerischen Events das Programm gestaltet, nicht groß geändert. Erneut werden herausragende Werke aus der Musikliteratur des 20. Jahrhunderts in den Fokus gerückt, die auf ihre Weise bahnbrechend waren, aber nur relativ selten zu hören sind. Wer sich an die sensationelle Aufführung von Harry Partchs Delusions Of The Fury vom vorigen Jahr erinnert oder an die Produktion der Europeras von John Cage aus Goebbels’ erstem Tätigkeitsjahr 2012, der wird der Eröffnung der Triennale am 15. August in der Duisburger Kraftzentrale wohl mit Feuer und Flamme entgegenfiebern – gilt es doch, einen Titan des Musiktheaters zu erleben: De Materie des niederländischen Komponisten Louis Andriessen, das nach der Uraufführung 1989 in Amsterdam nie mehr realisiert wurde. De Materie ist eine Art Antioper, die das Verhältnis von Geist und Materie thematisiert und dabei mittelalterliche Philosophie und Mystik, moderne Ästhetik und physikalische Theorien reflektiert. Ein wuchtiges Klangerlebnis, stilistisch etwa von europäischer Minimal Music mit Versatzstücken der Klangsprache Igor Strawinskys beeinflusst.

Apropos Strawinsky: Der italienische Theatermacher Romeo Castellucci interpretiert in der Duisburger Gebläsehalle dessen Dauerbrenner Le Sacre Du Printemps dergestalt, indem er diese »musikalische Atombombe« als »einen Tanz aus Knochenstaub« inszeniert und dadurch mit entfesselten Kräften dem scharfen, aufopferungsvollen Expressionismus der Bilder aus dem heidnischen Russland eine gewiss ungewöhnliche Deutung zukommen lässt.

Eine weitere Regiearbeit Castelluccis widmet sich als einer von zwei Morton-Feldman-Programmpunkten dessen äußerst selten aufgeführten einzigen Oper Neither in der Bochumer Jahrhunderthalle. Im Kern wie bei Andriessen ebenfalls ein Musikstück, das sich sämtlichen subjektiven, emotionalen Ausdrücken verweigert, ist Neither das Resultat einer Begegnung zwischen Feldman und Samuel Beckett Mitte der 1970er Jahre in Berlin. Die ergebnisoffene Möglichkeit einer Zusammenarbeit konstituierte sich später in einem Text Becketts aus 87 Wörtern, der weder die Funktion eines Dialogs noch eines Monologs, noch die Form eines Gedichts hatte. Dieses »Weder noch« (neither) passte kongenial zum Morton Feldmans minimalistischem Ansatz eines bedächtig intonationslosen Vorantastens von Klängen, in denen jegliche dramatische Zuspitzungen von vornherein unnötig erscheinen. Man darf gespannt sein, wie Romeo Castellucci diese Art Nicht-Handlung dramaturgisch in den Griff kriegt (ab 6. September).

Ein anderes Stück, das vielleicht mächtigste aus Feldmans Œuvre wird, ebenfalls in der Jahrhunderthalle, als Nachtkonzert am Samstag, dem 16. August, zur Aufführung gebracht: das Trio (Flöte, Klavier und Schlagzeug) »For Philip Guston«. Feldmans Beeinflussung von New Yorker Künstlern Mitte des vergangenen Jahrhunderts findet hier ihren Höhepunkt. Es ist eine Hommage an seinen besten Freund in der Kunst, den Maler Philip Guston. Die viereinhalbstündige Komposition rankt sich beständig um ein Motiv der Töne C-G-As-Es, was ganz klar eine Verbeugung vor John Cage ist. Auf Dauer entfaltet sie ein schier überwältigendes Gefühl gleich bleibender Sogkraft, in dem unermessliche Konturen von Zeit und Raum beschwört werden. Mit der Ausführung durch drei Musiker des Ensemble Modern kann man auf eine kompetente Wiedergabe hoffen.

Wem noch ausgedehntere Spielzeiten nichts ausmachen und wer obendrein an den Mythen amerikanischer Kultur interessiert ist, der sollte sich Sonntag, den 31. August, um 15 Uhr in der Essener Lichtburg, dem größten Kino Deutschlands, vormerken. An diesem Termin wird der symphonische Film River Of Fundament, eine erneute Kooperation des britischen Künstlers Matthew Barney mit dem amerikanischen Komponisten Jonathan Bepler präsentiert – eine sechsstündige epische Geschichte vom Werden und Vergessen, angesiedelt vor der Kulisse amerikanischer Industriegebiete. Es ist groß skizziert die Geschichte von der Wiedergeburt zweier Protagonisten, des Schriftstellers Norman Mailer und eines antropomorphen Automobils. Wer Matthew Barneys Cremaster-Zyklus schätzt mit seinen grenzüberschreitenden Mitteln multimedialer Kunstobjekte, der kommt an River Of Fundament nicht vorbei. Versprochen wird eine Melange aus Kino, Oper, Performance, Skulptur und Allegorie mit Stars und US-amerikanischen Ikonen wie Ellen Burstyn, Maggie Gyllenhaal, Paul Giamatti, Deborah Harry, Joan LaBarbara, Dick Cavett, Liz Smith, Lawrence Weiner, Larry Holmes sowie Fachleuten und Arbeitern aus der Eisenbranche, Schwefelgießerei und Autoverschrottung.

Dieses auffällige Gesamtkunstwerk, in dem mehrere Stilistiken aufeinanderprallen und Konventionen auf originelle Weise gebrochen werden, ist signifikant für etliche weitere Geschehnisse sich verschmelzender Genres während der Triennale. So gibt es wiederum eine beträchtliche Anzahl moderner Choreographien namhafter Tanz- und Performance-Künstler, darunter Anne Teresa De Keersmaker, die eine neue Arbeit vorstellt, welche auf Arnold Schönbergs wohl berühmtester Komposition, »Verklärte Nacht«, und einem Gedicht von Richard Dehmel basiert. Andere Aktionen kommen von Boris Charmatz, La Ribot, Eszter Salamon und dem gefeierten Japaner Saburo Teshigawara, der in seiner Performance »Broken Lights« eine Bühnen-Attrappe voller Glasscherben regelrecht »zertanzt«.

Bildende Künstler und Filmemacher vom Range eines Gregor Schneider, Tino Sehgal und Harun Farocki nutzen das imposante Industrie-Ambiente für zum Teil ungewöhnliche Raumskulpturen, Filmprojekte und spektakuläre Installationen, besonders aufwendig unter diesen: eine 70 Meter lange begehbare Plastik aus Aluminiumplatten unter den stillgelegten Hochöfen des Landschaftsparks Duisburg-Nord, organisiert von dem brasilianischen Künstlerkollektiv cantoni crescenti.

Die Ruhrtriennale 2014: Rund 150 Veranstaltungen in vier Städten mit 14 Spielstätten, ca. 30 Produktionen mit etwa 1000 nationalen und internationalen Künstlern und Künstlerinnen. Zum Musikaspekt könnten noch Dutzende Programmpunkte aufgelistet werden: Große Symphoniekonzerte mit Schlüsselwerken des 20. Jahrhunderts, A-Cappella-Chor-Abende oder klassische Kammermusik und Improvisiertes im Maschinenhaus der Zeche Carl in Essen, die unter anderem vom Streichquartett Quatuor Ébène, von dem bosnischen Lautenspieler Edin Karamazov, dem sizilianischen Saxophonisten Gianni Gebbia, aber auch Fred Frith bestritten werden.

Doch zwei Sachen aus dem Riesenangebot fallen auch hier aus dem Rahmen, dürften etwas mehr von Belang sein. Am 23. und 24. August strukturiert Matthew Herbert, als »God of Electronic Music« und Avantgardist beileibe nicht von Eingleisigem und Fantasielosem geprägt, in den Schächten des Essener PACT Zollvereins einen Klavierabend, der bestimmt alles andere als trocken-akademisch sein wird, sondern mit überraschender Konsequenz seine klanglichen Untersuchungen mit rohen Fundstücken weiterführt. Diesmal beschäftigt er sich mit dem Sound von 20 Klavieren, die einzigartig in der Welt existieren – von Bösendorfern und Steinways der großen Konzerthäuser über billige, gewöhnliche Klaviere bis hin zu verstimmten, ausrangierten –, deren Geschichten er erzählt, zusammenträgt und sampelt und das so entstandene Material in Improvisationen zum Erklingen bringt. Eine typische Herbert’sche Metapher, hergeleitet aus Althergebrachtem, bestückt mit technischen Innovationen, die als Performance mit Sarah Nicholls und Sam Beste an Midi Pianos in einer Version von Steve Reichs »Piano Phase« gipfelt, wo sämtliche 20 Klaviere zusammengebündelt aus der Erinnerung auftauchen und wieder verschwinden.

Schließlich noch zu guter Letzt das Ausnahme-Event, das Heiner Goebbels’ Intendantenzeit bzw. sein tatkräftiges Wirken und seine Erfahrungen in diesen zweckentfremdeten, historischen, denkmalgeschützten Locations trefflich zum Abschluss bringt. »Surrogate Cities Ruhr« setzt Goebbels’ berühmtes Porträt einer imaginären Millionenstadt für Solostimmen und großes Orchester in einen neuen Kontext als polyzentrische Metropole sämtlicher Städte der Region Ruhr. Die Kraftwerkzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord wird dabei Schauplatz einer großformatigen theatralischen Gruppierung, die die französische Choreographin Mathilde Monnier mit 140 Akteuren der Region (Kinder, Jugendliche, junge und ältere Erwachsene) und den Bochumer Symphonikern erarbeitet hat. Die Premiere findet am 20. September statt.