Rückblende: Wilco, Girl Band und Preoccupations beim Le Guess Who?

Foto: Juri Hiensch

Le Guess Who?, Tag eins: Die Dreifaltigkeit der Gitarre in vier Stunden – Liebe, Schmerz und Trümmerbruch.

Erste Erkenntnis des Abends: Wilco haben die wohl größte Gitarrensammlung zwischen Utrecht und Chicago – und fahren ihre sechssaitigen Babys nur zu gerne spazieren. Drei Schränke mit jeweils rund zehn Instrumenten haben Wilco an beiden Enden der Bühne des großen Saals des Utrechter Tivoli Vredenburg aufgebaut, jeweils mit eigenem Beauftragten für ordnungsgemäße Stimmung und rückenschonendes Anreichen. Und da Jeff Tweedy, Nels Cline und Kollegen verlässlich nach jedem Song ihr Instrument wechseln, ist das Konzert des ersten großen Headliners des diesjährigen Le Guess Who?-Festivals auf den ersten Blick vor allem ein Lehrstück in Sachen Bühnenlogistik.

Und damit gar nicht so weit von Wilcos musikalischen Qualitäten entfernt. Denn der Sound der Band aus Chicago liefert auch im 22. Bandjahr noch wie ein Uhrwerk. Sechs Männer mittleren Alters, die zwei bis drei Gitarren, Bass, Synthies, Drums und eine Wagenladung Tasteninstrumente wie Feinmechaniker kurz nach der Meisterprüfung bedienen und dabei nichts dem Zufall überlassen. Drummer Glenn Kotche etwa spielt die legendären Wilco-Brüche, wenn er unvermittelt wie vom Affen gebissen durch sein Instrument rührt und Tweedys Country-Balladen die Rührseligkeit austreibt, mit derselben präzisen Ernsthaftigkeit wie einen tragenden Viervierteltakt. Alles beim Alten also, schließlich wanderten Wilco schon immer auf einem schmalen Grat zwischen blasiertem Muckertum und avantgardistischer Country-Erweiterung.

An diesem Abend jedoch ist alles ein wenig anders. Die Welt befindet sich noch in den Nachwehen der US-Wahlnacht, und Wilco spielen dementsprechend im Grunde ihr ganzes Set unter dem Motto Love against Trump. Es scheint der Band aus Illinois (stimmte übrigens deutlich für Hillary Clinton) ernst zu sein mit ihrem Anliegen: Die Setlist besteht vorrangig aus Songs mit Liebeszeilen, die Tweedy zusammen mit dem Publikum besonders inbrünstig schmettert, während Cline und die Gitarrenanreicher mit jedem Solo ihre Körper ein Stück weiter zu den Tönen verbiegen. Highlight dabei: „Jesus, Etc.“ vom mittlerweile 14 Jahre alten Yankee Hotel Foxtrot, bei dem der halbe Saal die Zeile „Our love / Is all we’ve got“ zu spontanem Protest umdeutet – und damit den Beweis erbringt, dass längst abgestandene Songs im richtigen Moment wieder ganz aktuell und packend sein können. Selbst wenn die Musik dazu streckenweise klingt wie aus der Dose.

Dara Kieley von Girl Band in Utrecht. Foto: Jan Rijk
Dara Kieley von Girl Band in Utrecht. Foto: Jan Rijk

Wie es um das Verhältnis zwischen Girl Band und Muckertum steht, ist nicht bekannt. Fest steht: Auch die vier Iren beherrschen ihre Instrumente, benutzen sie jedoch auf ganz andere Art als Wilco. Girl Bands Sound klingt nach Maschinen, ein wenig nach Fließband, allerdings wie eines, in dessen Mechanik etwas Scharfkantiges geraten ist, das Feuer spuckt, sich selbst zerstört und nichts als Dysfunktionalität ausspuckt. Man erschrickt sich ein wenig, als man nach einem 30-minütigen Fußweg vom Kultur-Megakomplex Tivoli und den herzerwärmenden Wilco in ein Industriegebiet außerhalb der Innenstadt die Tür des De Helling aufschlägt, um sich erst einmal von Dara Kiely anschreien zu lassen.

Zu den manischen Monologen ihres Sängers spielen Girl Band einen rhythmischen Krach, den man kaum zuordnen kann. Ist das Noise? Handgemachter Hardcore-Techno? Einfach nur Hardcore? Oder doch ein vertonter Trümmerbruch am Standbein? Jedenfalls scheppert, knirscht und knarzt es an diesem Abend so wunderbar furchteinflößend, dass manche Zuschauer bei besonders unvermittelten Störgeräuschen kurz die Köpfe einziehen. Vor allem die Songs vom zuletzt erschienenen Album Holding Hands With Jamie klingen dabei so kaputt und so eindrucksvoll, wie keine andere Band an diesem Abend.

Preoccupations Matt Flegel. Foto: Jan Rijk
Preoccupations‘ Matt Flegel. Foto: Jan Rijk

Fast schon Erholung sind da im Anschluss die Trauer, der Schmerz und das Leid von Preoccupations. Während die vier Kanadier um Sänger und Bassist Matt Flegel den Song „Anxiety“, Opener ihres selbstbetitelten Debüts, in den Saal croonen, fragt man sich hingegen: Wie machen die das jetzt? Schließlich kommt es nicht aller Tage vor, dass eine bereits halbwegs etablierte Band wegen einer nicht enden wollenden Diskussion ihren Namen ändert und einfach wieder von vorne anfängt. Spielen sie weiter Titel von ihrem unter dem scheußlichen Namen Viet Cong erschienenen Album, sagen sie etwas zu der Causa? Machen wir es kurz: nein.

Viet Cong scheint es an diesem Abend nie gegeben zu haben, Preoccupations sind tatsächlich eine neue Band. Und was für eine. Gerade ausgedehnte Stücke wie das grandiose „Memory“ entfalten sich live erst richtig. Und wieder fragt man sich, wie die das machen, mit nur vier Leuten an den Instrumenten eine solche klangliche Gewalt zu entfesseln. Das Problem: Als neu gegründete Band haben Preoccupations nur neun Songs unterm Gürtel. Zwar dehnt die Band einige Stücke in Richtung der Zehn-Minuten-Marke aus, trotzdem ist nach gut einer Stunde ohne Zugabe Schicht. Der Eindruck aber bleibt: Man kann auch Ende 2016 noch jedes Gefühl der Welt mit Gitarren ausdrücken. 

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