Rückblende: Tyler, The Creator in Berlin

Foto vom Konzert in Hamburg: Janto Rößner

Die Jugend von heute ist auch nicht mehr das, was sie einmal war: Beim Konzert in Berlin zeigen sich Tyler, The Creator und die verbliebenen Odd-Future-Gehilfen als liebenswert-harmlose Chaoten.

Schwer zu sagen, ob es erst vier Jahre her ist oder schon, aber Anfang 2011 war Tyler, The Creator nicht nur der gehypeteste Rapper der Welt – er und die Odd-Future-Clique galten manchen Leuten sogar als Bürgerschreck. Jugendgefährdende Texte, Sturmmasken und umgedrehte Kreuze, Polizeieinsätze bei Liveshows und nicht zuletzt ein Geschäftsmodell, das nicht mehr auf die Tonträgerindustrie als Mittelsmann angewiesen schien. Odd Future waren Eminem im Körper der Bad Brains, ein Punk-Phänomen ohne Gitarren. Ihre radikalpubertären Texte gehörten ein paar Monate lang zu den meist diskutierten Streitpunkten im Musikgeschäft.

Im Frühjahr 2015 kann man sich gar nicht mehr richtig vorstellen, dass Tyler, The Creator mal als kontroverse Figur galt. Der inzwischen 24-jährige Rapper aus L.A. wurde vollständig eingemeindet in die Abläufe der Kulturindustrie. Seine Platten erscheinen bei einem Majorlabel, gerade ist mit Cherry Bomb die dritte erschienen. Tyler hat eine Sketch-Comedy-Show auf Adult Swim, sein Modelabel Golf Wang ist eine Art Hello Kitty für HipHop-Fans. Der Hype ist abgekühlt, jüngere Veröffentlichungen haben keine Fünf-Sterne-Reviews oder Skandale mehr generiert. Der C-Club in Berlin ist trotzdem ausverkauft.

Auf der Bühne trägt Tyler, The Creator Golf Wang von oben bis unten, er sieht aus wie sein eigenes Maskottchen. Mit Jasper Dolphin und Taco begleiten ihn die beiden Odd-Future-Mitglieder durch Deutschland, deren Gruppenfunktion bis heute niemand zufriedenstellend erklären kann.  In Berlin sind sie ein Drittel DJ, ein Drittel Hypeman, ein Drittel nervig. Tyler springt und redet viel, er macht Witze, die kaum jemand versteht. Irgendwann sieht er das ein, dann schreit er nur noch »Jaaaaa!« zwischen den Tracks.

Die Show ist gutes Rap-Entertainment, viel Bass, viel Animation, viel call & response, ein Wasserball. Tyler kann rappen, auch wenn man es nicht immer hört. Was fehlt, ist das Anarchische der Anfangstage: Tyler, The Creator war schon immer albern, aber eben nicht nur. Heute bringt er seinen besten und düstersten Song, das eigentlich unverwüstliche »Yonkers«, in einer unterwältigenden Blödelversion. Das Radikalste am Konzert ist die fehlende Zugabe, die Gefahr eines Polizeieinsatzes schätzt man in der nahegelegenen Seniorenresidenz höher ein.

Nichts daran ist schlimm, es führt einem nur vor Augen, dass derzeit andere Rapper den Ton angeben. Kendrick Lamar lieferte mit To Pimp A Butterfly gewichtige Beiträge zu Diskursen über Rassismus, moderne Sklaverei und nordamerikanische Umgangsformen. HipHop findet bei ihm zu seiner ursprünglichen Rolle als Fieberthermometer der Gesellschaft zurück. Tylers ehemaliger BFF Earl Sweatshirt gibt indes den rapper’s rapper – ein atemberaubendes MC-Schlachtschiff für alle, die sich an Rhythmuswechseln, Binnenreimen, Doppeldeutigkeiten und sonstiger Wortakrobatik erfreuen können.

Daneben wirkt Tyler, The Creator vor allem als Performer wie ein in die Jahre gekommener Klassenclown. Das reicht, um 500 Fans für einen Abend zu unterhalten, wird seinen eigenen Ansprüchen auf lange Sicht aber nicht genügen.

UPDATE 28.05.: Am frühen Donnerstag morgen hat sich Tyler, The Creator auf Twitter zum Status von Odd Future geäußert: »Auch wenn es vorbei ist«, schreibt er, »diese sieben Buchstaben sind für die Ewigkeit«. Damit bezieht er sich mit aller Wahrscheinlichkeit auf die Buchstaben OFWGKTA, kurz für Odd Future Wolf Gang Kill Them All. Ob das Ende der Gruppe, deren De-Facto-Leader Tyler von Anfang an war, nun offiziell besiegelt ist, bleibt abzuwarten. Die Tatsache, dass es zuletzt kaum noch Kollaborationen zwischen ihm und anderen Schlüsselmitgliedern wie Earl Sweatshirt und Frank Ocean gegeben hatte, weist jedoch zumindest in diese Richtung.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.