Rückblende: St. Vincent beim Le-Guess-Who?-Festival

Fotos: Tim van Veen & Eric Luyten

Le Guess Who?, letzter Tag: Annie Clark aka St. Vincent trippelt zwischen Perfektion (ihr Ding) und menschlichem Versagen (nicht ihr Ding).

Schon am Samstag schrieben wir auf SPEX.de über den Utrechter Kulturtodesstern Tivoli, aber wir hatten ja keine Ahnung. Erst wenn man sich ins Innerste des würfelförmigen Riesengebäudes vorkämpft, in dem große Teile des Le-Guess-Who?-Festivals 2014 zum ersten Mal stattfinden, gelangt man zum »Groote Zaal«, dem Herzstück des Tivoli, in dem mindestens zwei Orchester problemlos gegeneinander anspielen könnten. Abends am Sonntag stehen dort auf der viel zu großen Bühne: Annie Clark alias St. Vincent, zwei Keyboarder und Knöpfendrücker, ein Schlagzeuger und das pinkfarbene Podest, das seit einem Jahr bei jedem St.-Vincent-Konzert aufgebaut wird.

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Später wird Clark darauf stehen, sitzen, liegen und einige schmerzhaft aussehende Übungen zur Leibesertüchtigung vorturnen. Zunächst aber trippelt sie hochhackig an den Bühnenrand, tanzt eine Mischung aus Jiu-Jitsu und epileptischem Anfall, lässt sich die Gitarre geben und schreddert ein Prince-Solo. Jesus! Nachdem Mac DeMarco mit seiner verlotterten Schalk-im-Nacken-Show am Vorabend noch allen Taugenichtsen im Publikum Hoffnung auf ein erfolgreiches Leben gemacht hatte, ist Clark gekommen, um uns alle auf den Amöbenstatus zurückzustufen, der schon immer für uns vorgesehen war.

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Die St.-Vincent-Show ist perfekt: Gesang, Gitarre und Abstimmung mit der Restband, Choreografie, Haare, Kostüm, Outfit und Make-up. Während die ersten Konzerte zu Clarks unbetiteltem aktuellem noch streckenweise steril gewirkt hatten, gelingt es ihr nach einem Jahr auf Tour inzwischen auch, den strengen Songs über das Leben im Zeitalter digitaler Überforderung Leben einzuhauchen. Natürlich gibt es keine Verspieler, verpatzten Einsätze oder sonstige Schwächen menschlichen Daseins. Während ihrer einstudierten, bedeutungsvoll rezitierten Ansagen kann sich Clark aber immerhin ein, zwei Mal das Lachen nicht verkneifen.

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Nach 80 Minuten Leistungsschau bleibt Clark zum Ende von Auftritt und Festival allein auf der Bühne zurück. Einmal noch steigt sie hoch auf ihr Podest und spielt eine reduzierte Version von »Strange Mercy«, dem Titelstück ihres 2011er Albums. Ein improvisiertes Gitarrensolo geht genauso schnell los, wie es wieder vorbei ist, Clark haut auf die Saiten und bringt sie zum Schweigen. Trippelschritte, Verbeugung, Trippelschritte, ab.

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