Rückblende: Protomartyr und Co. beim Le-Guess-Who?-Festival

Foto: Protomartyrs Joe Casey, (c) Le Guess Who?

Le Guess Who?, Tag zwei: Wir feiern mit den alkoholisierten Amerikanern.

Joe Casey muss den stärksten rechten Arm des Musikgeschäfts haben. Der Sänger von Protomartyr aus Detroit beschränkt sich auf den allernötigsten Körpereinsatz, und singen tut er eigentlich auch nicht so richtig. Nur der rechte Arm ist immer unterwegs, hebt die Bierflaschen vom Bühnenboden auf, führt sie zuverlässig zur Kehle, stellt sie unnötigerweise wieder ab und beginnt dann den gleichen Prozess von vorne. Am Vortrag, dem 19. November, war offizieller Welttoilettentag. Der Samstag nun gehört den alkoholisierten Amerikanern, zumindest beim Le-Guess-Who?-Festival in Utrecht, und Casey ist ihr Maskottchen.

Protomartyr spielen in der Tradition solch schöner US-Säuferbands wie The Hold Steady auf: Schon nach drei Songs ihres knackigen 40-Minuten-Sets stehen acht mehr oder weniger leere Bierflaschen zwischen ihren Füßen herum, hinzu kommt ein angeschlagenes Sixpack. Casey hat ein weiches, feines Mondgesicht, gibt aber eine sture Angry-Old-Fart-Performance mit eckig akzentuiertem Sprechgesang und lakonischen Drei-Wort-Ansagen zwischen den Songs und Schlücken. Sein Auftreten erinnert tatsächlich an Hold-Steady-Sänger Craig Finn, den turbulenten Pubrock der Band aus Minneapolis ersetzen Protomartyr aber durch smarte, angemessen aggressive Post-Punk-Songs.

22536677933_1f683c330c_kProtomartyrs Scott Davidson, (c) Le Guess Who?

Casey und seine Gruppe gehören mit ihrem Gitarrenrock-Update zu den Entdeckungen eines Festivals, das am zweiten Tag ohnehin viel Gitarrenrock hat. Drei Stockwerke weiter unten im Tivoli-Komplex spielen etwa Titus Andronicus auf einer zu groß geratenen Bühne ihren Aufrüttel-Punk in fast kompletter E-Street-Band-Besetzung. Frontmann Patrick Stickles ist der selbstsicherste Khakihosenträger des Le Guess Who?, sein Bassist verheddert sich immer wieder in Leslie-Nielsen-Manier im Basskabel. Im vorletzten Song darf tatsächlich jedes der sechs Bandmitglieder ein Solo spielen. Schön sind die nicht, aber mitreißend schon.

23137897276_b623628256_kTitus Andronicus’ Patrick Stickles, (c) Le Guess Who?

Während später noch Viet Cong an der Zerdehnung ihres Post-Punk-Entwurfs, circa Wolf Parade im Tropensturm, arbeiten und das überfüllte Konzert der Noiserocker Metz für einen Großteil des Publikums im Treppenhaus endet (es gibt immer noch ein weiteres Treppenhaus im Tivoli), schlägt der Pianist Lubomyr Melnyk in einem weiteren Konzertsaal ganz andere Töne an. Ungefähr sechs Millionen davon, um möglichst genau zu sein.

Melnyk ist ein ukrainischer Pianist mit Erased-Tapes-Deal, Jahrgang 48. Eigentlich ist er aber ein Redner, ein sehr ausdauernder Redner, der sich nach jedem seiner Turbostücke für mindestens zwei Klaviere auf den Weg zu einem Mikrofon macht, von dem aus er das nächste Turbostück anmoderiert. Auf Pilzen ist das esoterisch angehauchte Gesülze bestimmt super, für den Abend der alkoholisierten Amerikaner dann aber doch etwas zu heavy.

22864151650_b400c475ac_hLubomyr Melnyk, (c) Le Guess Who?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.