Rückblende: Le Guess Who? Festival 2018 in Utrecht

Das Le Guess Who? war einmal Europas bester Indie-Rock-Showcase. Inzwischen jubelt es seinem Publikum erfolgreich Free Jazz, Noise und diverse arabische Musikstile unter.

Eine Schweigeminute für den Free Jazz. Das Art Ensemble Of Chicago steht still auf der Bühne des großen Saals im Utrechter Tivoli Vredenburg, die Musiker_innen haben den Blick ins Nichts gerichtet. Knapp 60 Sekunden geht das so am ersten Abend des Le-Guess-Who?-Festivals, dann beginnt das, was der Television-Sänger und -Gitarrist Tom Verlaine im SPEX-Interview einmal als „geiles Getröte“ bezeichnet hat.

Das Saxofon (und ein paar Mal auch die Flöte und Klarinette) von Roscoe Mitchell verweigert federführend die Tonangabe – er und der Percussionist Don Moye sind die letzten verbliebenen Mitglieder eines klassischen Line-ups, mit dem das Art Ensemble Of Chicago in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren die Entwicklung des Free Jazz vorangetrieben hatte. Über das geheimnisvolle Zusammenspiel der beiden Künstler erheben sich nicht nur Kontrabass und Trompete, sondern auch allerlei Klingel- und Klimperinstrumentarium, das man eher von Kindergeburtstagen als aus Klappsitzkonzertsälen kennt. Nichts jedoch kann den heiligen Ernst dieser Musik aushebeln.

Beim Le Guess Who? spielt Anfang November eine generationenübergreifende Sechserbesetzung des Art Ensemble Of Chicago, auf Einladung der ebenfalls aus Chicago stammenden Noise-Musikerin und Festivalmitkuratorin Moor Mother. Neben ihr gehören Devendra Banhart und der britische Saxofonist Shabaka Hutchings von Sons Of Kemet zu den Programmplaner_innen der viertägigen Veranstaltung. Welches andere Publikumsfestival würde sich so etwas trauen? Und ist das Le Guess Who? überhaupt noch ein klassisches Publikumsfestival oder eine Mensch gewordene Kunstinstallation?

Neneh Cherry und The Breeders sind wohl die größten Namen im Line-up des diesjährigen Le Guess Who?, aber zwischen all der abseitigen, sonderbaren und immer wieder herausfordernden Musik, die von den Kurator_innen über die zahlreichen Bühnen des Festivals verteilt wurde, wirken ihre souveränen Auftritte paradoxerweise wie aus dem Rahmen gefallen – und lösen auch nicht die gleiche Begeisterung aus, die etwa Hutchings mit einer XL-Version seiner Sons Of Kemet (Saxofon, Tuba, drei Schlagzeuge) heraufbeschwört. Wenn der britische Songwriter Cass McCombs seine rätselhaften Erzählsongs in Begleitung einer reinen Männerband spielt, fällt einem der sonst übliche Festival-Status-quo als Ausnahmeerscheinung auf.

Die Planer_innen des Le Guess Who? sind längst drüber weg, was solche Fragen betrifft. Sie haben ihr Festival in den letzten Jahren vom besten europäischen Indie-Rock-Showcase zur stilistisch nicht festgelegten Schaubühne umgebaut, auf der vor allem Musik erklingt, die sonst überall zu kurz kommt. Das geht natürlich nur dank der vorhandenen Infrastruktur und Fördergelder, es wird aber auch angenommen von einem Publikum, das selbst das Nachmittagsprogramm mit Ausstellungen, Filmvorführungen und Kirchenkonzerten pflichtschuldig besucht. Würde es so etwas auch in Deutschland geben? Müsste vielleicht mal jemand ausprobieren.

 

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