Rückblende: Karen O in Berlin

Gestern hat Karen O ihr erstes Solokonzert in Deutschland gespielt. SPEX war vor Ort und blickt zurück.

Karen O kennt man als Frontfrau der Yeah Yeah Yeahs so: Sie hüpft, sie kreischt und verbiegt sich, sie jault und flirtet, klettert auf PAs und reckt die Fäuste in die Höhe als gehörte ihr allein die Nacht. Sieht man sie nun mit den Songs ihres ersten Soloalbums Crush Songs auf der Bühne stehen, scheint all das sehr lang her zu sein. Dabei kam die Platte nicht überraschend: Schon ihre Soundtrackarbeiten für die Spike-Jonze-Filme Her und Where The Wild Things Are hatten in Richtung karg instrumentierter Skizzen gedeutet. In den hauptsächlich 2006 und 2007 entstandenen Crush Songs geht es aber nicht um haarige Monster, sondern um Schwärmereien und das Verliebtsein.

Der Berliner Heimathafen Neukölln wird bei diesem Anlass zum letzten Crush Palace der Tourwie es kitschig-herzumrandet an eine Wand projiziert steht. Die Palastkönigin betritt mit zwei weiteren Musikern, Holly Miranda und Moses Summey,  und leichter Verspätung die Bühne, gehüllt in ein bodenlanges Paillettenkleid. Die Haare schüttelt O nicht mehr wild, sie schiebt sie sich sanft hinter die Ohren. Das Mikrofon presst sie fest an die Brust, ihre Augen sind häufig geschlossen.

Schaut man sich im Publikum um, entdeckt man lauter Hände, die um Schultern gelegt werden oder Pärchenarme, die zu Vs verschmelzen. Zu Anfang des Konzerts sind die Besucher auch überraschend schweigsam. Unverbesserliche Quasselstrippen werden sogar mit einem »Psst!« abgestraft. Die Stimmung ist intim, O scheint ihre Lieder nur für sich selbst zu singen, als säße sie in ihrem eigenen Schlafzimmer.

Auf Dauer wirkt die Intimität jedoch tatsächlich etwas einschläfernd. O durchbricht die Routine der Show dann vermehrt mit netten Einfällen: Sie zieht sich einen glitzernden Handschuh an und erweist Michael Jackson mit »King« die Ehre. Den Song »Body« zerreißt sie unvermittelt mit einem Schrei, der ihre Punk-Herkunft zu unterstreichen sucht – und der live viel besser als auf Platte funktioniert. Im Vergleich zu den Albumversionen haben sich die Crush Songs ohnehin weiterentwickelt, wofür vor allem Multiinstrumentalist Summey verantwortlich ist. Er bettet Os sehnsüchtig-kratzigen Gesang in weiche, erdige Sounds und untermalt die dahinschleichende Gitarre mit Vocal-Loops, womit er die spannendsten Klänge des Abends kreiert. Aber auch Miranda zeigt ihr Können, wenn sie ein gelungenes Cover von »High And Dry« – mit Karen O und Summey als Background-Chor – zum Besten gibt.

Gegen Ende der Show fragt O schüchtern, ob denn eine gewisse Peaches anwesend sei. Natürlich ist sie das und kämpft sich durch die Menge zur Bühne, wo sie dann, sichtlich überfordert, doch voller Enthusiasmus »Day Go By« auf dem Tamburin begleitet. Fast alle Songs bewahren sich den Work-in-progress-Charakter dieses Moments. O unterbricht sich selbst, gesteht Fehler ein und lacht ihr herzlichsten Mädchenlachen. Damit rettet sie sich mehrmals vor allzu großem Kitsch – scheint aber auch manchen Besucher zu entnerven. Das Publikum wird zunehmend unruhiger und kämpft mit Müdigkeitserscheinungen.

So hübsch und roh diese Liedchen auch sind: Der Abend bleibt eine flüchtige Erfahrung. Kaum ist man raus aus dem Heimathafen, hat man vergessen, was in der vergangenen Stunde passiert ist. So ist das eben mit dem Verknalltsein: Es passiert und verflüchtigt sich schnell. Genau wie dieses Karen-O-Konzert.

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