Rückblende: Kamasi Washington beim Le Guess Who? Festival

Le Guess Who?, Tag drei: Die Jazz-Jungs sind im Haus.

Utrecht ist so geil, dass ein Festival am Wochenende gar nicht reicht. Zeitgleich mit dem Le Guess Who? findet das ernsthaft so genannte Smartlappen-Festival statt, eine Veranstaltung für holländischen Schlager, bei der laut einheimischer Auskunft so richtig die Schwarte kracht. Kamasi Washington spielt nicht dort, sondern im Grote Zaal des Tivoli Vredenburg, als heimlicher Headliner des Le Guess Who?. Vielleicht weiß er das aber gar nicht? Zur Mitte seines 90-minütigen Sets jedenfalls stimmen Washington und Band das Stück »Henrietta Our Hero« an, gewidmet der Großmutter des Tenorsaxofonisten. Es ist der größte Smartlappen-Moment des ganzen Wochenendes.

Washington operiert häufiger nahe am Kitsch, rutscht aber nur dieses eine Mal über die allgemein anerkannte Demarkationslinie hinaus. Zu seinem Ensemble gehören der Posaunist Ryan Porter, der Kontrabassist Miles Mosley, Keyboarder Brandon Coleman, die Schlagzeuger Tony Austin und Ronald Bruner Jr. sowie die Sängerin Patrice Quinn; für einige Stücke kommt außerdem Washingtons Vater Rickey an Querflöte und Klarinette dazu. Die Soli fliegen also aus allen Ecken der Bühne auf einen zu. Eingeweihte wussten schon vorher, dass eigentlich nichts schief gehen konnte.

22897428880_ef15250882_h

Wenn die Band einloggt und sich im Groove verselbständigt, gehört ihr Zusammenspiel tatsächlich zu den Höhepunkten des Festivals. Bruner triumphiert außerdem in einem spektakulären Schlagzeugduell über Austin, dass man sich vorstellen muss, als bekäme der Vereinsmeister eines sehr, sehr guten Tennisclubs mal so richtig von Roger Federer den Arsch versohlt. Bruner ist der Beste, und er weiß es auch. Hätte er nach dem Konzert noch zwei Stunden weitergetrommelt, wären die Leute auch noch zwei Stunden länger geblieben.

Stattdessen steht Washington bis nachts um drei am Merchstand, signiert zigfach das monumentale Dreifach-Vinyl seines Debütalbums The Epic (das Fashion-Must-Have am Le-Guess-Who?-Samstag) und lässt sich mit jedem Besucher knipsen, der ein Foto haben möchte. Vielleicht liegt darin eine Erklärung für den unwahrscheinlichen Crossover-Erfolg des Künstlers, dessen Platte in Deutschland vor kurzem Goldstatus erreicht hat. Washingtons Jazz kommt ohne die häufig genretypische Aura des Elitären aus, er ist so nahbar wie sein Komponist selbst. Experten und Puristen merken wohl auch deshalb an, dass The Epic eigentlich eine recht traditionelle Platte und der Hype darum ein paar Stufen zu hoch gegriffen ist. Utrecht und seinen Smartlappen könnte das kaum egaler sein.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.