Rückblende: Gorillaz mit “Humanz”-Weltpremiere live in London

Foto: Mark Allan

Analog ist doch besser: Statt Augmented Reality im Stadionformat liefern Gorillaz bei der Weltpremiere ihres neuen Albums Humanz in London eine Show ab, die vor allem über musikalisches Handwerk funktioniert – und einen Sack voll Gastmusikern von Danny Brown bis Noel Gallagher.

Freitagabend im Südosten Londons, fernab von Shoreditch, Hackney, Brixton oder sonstigen Trendecken. Vor einem unscheinbaren Industriekomplex zieht sich eine Schlange von bemüht teilnahmslosen Medienmenschen und vereinzelt erwartungsvollen Fans durch den Innenhof. Die Gorillaz stellen an diesem Abend ihr neues Album Humanz zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor. Schöne Sache, keine Frage. Dennoch liegt eine andere Frage in der Luft: Kann diese virtuelle Truppe heute überhaupt noch relevant sein?

Jene im Wortsinn überzeichneten Comicfiguren 2D, Noodle, Murdoc Niccals und Russel Hobbs, Anfang der Nullerjahre von Damon Albarn und seinem damaligen Mitbewohner Jamie Hewlett aus Überdruss an der heute schon fast vergessenen Musikfernsehen-Dauerschleife geschaffen. Jede davon ein Sammelband gängiger Rockstar-Klischees, vom verschrobenen Bassisten bis zur überdrehten asiatischen Gitarristin. Geboren aus einer popmusikalischen Kritik an allgegenwärtiger Selbstdarstellung, dem Zwang zum schönen Schein in einer unschönen Welt. Ein Projekt aus einer anderen Zeit also.

Das letzte Gorillaz-Album erschien mit dem spektakulär unspektakulären Plastic Beach vor rund sieben Jahren. Seitdem hat sich die Welt drastisch verändert. Sie hat begonnen, sich schneller zu drehen, noch komplizierter zu werden, ein grenzdebiler Immobilien-und-sonstwas-Unternehmer wurde amerikanischer Präsident, ungezählte technische Neuerungen hielten Einzug und verschwanden wieder, Augmented- und Virtual Reality wurden einer breiten Masse an Nutzern zugänglich. Kurz: Plastic Beach mit seinen dystopischen Emeriten-Fantasien klingt heute nach belanglosem Retrofuturismus.

Die spannendere Frage ist an diesem Abend also, wie die Gorillaz sich im Jahr 2017 verkaufen würden. Um digitale Realitäten, Hologramme und anderen technischen Schnickschack war im Vorfeld spekuliert worden. Die Antwort: Pustekuchen. Zwar gibt es eine App zum Album, der Rest aber bleibt konsequent ziemlich traditionell.

Fotos: Mark Allan

Auch die Probleme im Vorfeld des Konzerts: Es sei ein mehrmonatiger Kraftakt gewesen, die gesammelten Feature-Gäste von Humanz für den heutigen Abend nach London zu bringen, erzählt die frühere Blur- und heutige Gorillaz-Managerin Niamh Byrne kurz vor dem Konzert. Die vielen Buchungen und Umbuchungen auf ihrer Firmen-Kreditkarte habe sogar die Bank auf den Plan gerufen. Fun fact am Rande: Die Band und ihre vielen Gäste habe das Set erst ein paar Mal proben können und habe es immer in den Sand gesetzt, erzählt Byrne.

Danny Brown, Pusha T, Del tha Funky Homosapien, De La Soul, Kelela, Benjamin Clementine, Anthony Hamilton, Zebra Katz und viele mehr gemeinsam auf die Bühne zu bringen, ist eben alles andere als alltäglich. Sie alle dann auch noch ein sinnvolles Bild abgeben zu lassen, noch weniger. An diesem Abend besorgen das ein knappes Dutzend gut eingespielter Studio-Mucker, die Damon Albarn und Freunde wie Schülerlotsen durch den Abend führen. Die größte Überraschung: Dass es keine Überraschungen gibt.

Foto: Mark Allan

Humanz klingt, wie ein Gorillaz-Album klingen muss – perfekt orchestriert und durchgeplant wie eine Großbaustelle. Die 20 Songs sind an den richtigen Stellen tanzbar, an anderen wieder introspektiv und grooven so nonchalant durch den Abend, dass es zunächst gar nicht auffällt, dass gegen Ende des Sets plötzlich Noel Gallagher, Jean-Michel Jarre und Jehnny Beth von den Savages gemeinsam den Album-Closer “We Got The Power” spielen. Zugabe: “Feel Good Inc.” zusammen mit De La Soul und “Clint Eastwood” zum ersten Mal überhaupt mit Del tha Funky Homosapien am Mikro. Understatement? My ass.

Die vier eigentlichen Protagonisten sind dabei bestenfalls Nebensache. 2D, Noodle, Murdoc und Russel tauchen in schöner Regelmäßigkeit auf einem riesigen LED-Screen hinter der Bühne auf – dessen Technik hatten U2 aber im Grunde schon in den Neunzigern. Die größte virtuelle Band der Welt agiert 2017 ganz organisch. Keine Hologramme, keine verrückte Technik, noch nicht einmal Augmented Reality. Stattdessen haben sich Albarn und Hewlett schlicht so etwas wie die beste erweiterte Band der Welt zusammengescharrt. Überraschung? Nicht wirklich.

 

Fotos: Mark Allan

 

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