Rückblende: Elza Soares beim Le Guess Who?

Foto: Jelmer De Haas

Le Guess Who?, Tag 3: Die brasilianische Samba-Legende Elza Soares gibt ein ergreifendes Konzert gegen Sexismus, Diskriminierung und häusliche Gewalt.

Um zu verstehen, was Elza Soares für die brasilianische Musik bedeutet muss man an diesem Samstagabend nur einen kurzen Blick ins Publikum werfen. Der vergleichsweise winzige Stehplatzbereich des Tivoli Vredenburg ist fast vollständig von Brasilianern und Portugiesen bevölkert, von denen eine  große Zahl eigens für das Konzert der Samba-Legende zum Le Guess Who? nach Utrecht gereist sind. Warum? „Weil sie die Größte ist“, sagt einer.

Dem ist wenig hinzuzufügen. Die 79-Jährige steht wie kaum eine andere Künstlerin für ein Leben mit erhobenem Haupt – sich wiederholenden Schicksalsschlägen und Repressionen zum verdammten Trotz. Soares ist bis heute eine der wenigen erfolgreichen brasilianischen Künstlerinnen, die aus den ärmsten Ecken und Enden der Favela heraus die Spitze der Unterhaltungsbranche erklimmen konnten. Seit fast sieben Jahrzehnten ist sie nun schon Sängerin und gilt heute dank ihrer stets direkten, unerschrockenen Art, mit der sie die vielen Probleme ihres Landes anzusprechen pflegt, als Stimme von Brasiliens Unterdrückten: Homosexuelle, Schwarze, Frauen und einfache Arbeiter.

Dabei startete ihr Leben alle andere als erfolgversprechend: Im zarten Alter von zwölf Jahren heiratete Soares in ihrer Favela in Rio, wurde dreimal Mutter, verlor einen Sohn an Unterernährung und war mit 21 schon wieder Witwe. Gleichzeitig startete wie aus dem Nichts ihre Musikkarriere: Mit 16 gewann sie einen Musikwettbewerb, trat im Folgenden bei allerhand Schlagerevents auf und wurde dabei gerne einmal gezwungen, neben der Bühne zu singen – wegen der Hautfarbe. Trotzdem entwickelte sich ihre Karriere rasant. 1962 etwa sang sie anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien an der Seite von Louis Armstrong – und lernte dabei die damalige Lichtgestalt des brasilianischen Fußballs, Garrincha, kennen und begann eine Affäre mit ihm.

Foto: Jelmer De Haas
Foto: Jelmer De Haas

Die Sechziger markierten eine Periode das Erfolgs für Soares, in der sie eine ganze Reihe von Klassikern für das angesehene europäische Label Odeon veröffentlichte. Bis sie selbst zum Opfer der der repressiven brasilianischen Gesellschaft wurde: Als ihre Beziehung zu Garrincha 1966 bekannt wurde, eine schwarze, allein erziehende Mutter in wilder Ehe lebend, wurde sie zur Projektionsfläche eines damals grassierenden moralisierenden Rassismus – und 1969 schließlich von der gerade an die Macht gekommenen Militärjunta des Landes verwiesen. Auch im Folgenden ließ das Schicksal nicht locker: Nachdem das Paar 1976 den gemeinsamen Sohn Garrinchinho bekam starb Garrincha sechs Jahre später an den Folgen seiner Alkoholsucht, bevor auch Garrinchinho bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Soares zog nach Europa, verfiel dem Alkohol und verschwand in der musikalischen Bedeutungslosigkeit. Erst Ende der Neunziger kehrte sie nach Brasilien zurück und startete, wie der Phoenix, den sie auf das Bein tätowiert trägt, mit über Sechzig eine zweite Karriere.

Und nur dieser Hintergrund kann diese Stimme erklären. Als diese nie gebrochene Frau, von Helfern gestützt und dennoch im hautengen Lederanzug gekleidet, am Samstagabend auf der Bühne Platz nimmt, werden schon die ersten Töne ihrer altersweisen Stimme mit frenetischem Jubel quittiert. Soares trägt ihr Leben auf den Stimmbändern. Hier und da bricht ihre Stimme, klingt müde, zermürbt – um dann wieder zu einem Fanal ungebändigter Lebenskraft auszuholen. Und, auch wenn man kein Portugiesisch versteht, mit jedem Ton eine schwer fassbare Kraft des Protests zu entfesseln.

Das liegt auch daran, dass Soares an diesem Abend nicht nur einfach Samba-Klassiker spielt, sondern eine dreckige, brüchige Mischung aus Samba, Post-Rock, Electronica und Jazz. Für ihr 2015 erschienenes Album The Woman At The End Of The World tat sie sich mit Protagonisten der in Sao Paulo florierenden Samba-sujo-Szene zusammen (übersetzt in etwa „schmutziger Samba“), die nun die elf Songs des Albums zusammen mit Soares performen.

Foto: Jelmer De Haas
Foto: Jelmer De Haas

Wie das klingt? „Nach Sex und Schwarzheit“, sagte sie selbst einmal. Und an diesem Abend nach einem aufreibenden Brandbrief an die noch immer repressive Brasilianische Gesellschaft. Der Titelgebende Song „Mulher do fim do Mundo“ beispielsweise malt den Karneval als apokalyptisches Szenario an die Wand, während „Maria da Vila Matilde“ sich beißend mit häuslicher Gewalt auseinandersetzt – und dessen Zeile „Cê vai se arrepender de levantar a mão pra mim“ („Du wirst es bereuen, die Hand gegen mich erhoben zu haben“)der des Portugiesischen mächtige Teil des Publikums lautstark mitsingt. Oder die radikal feministische Kampfschrift für die weibliche Libido „Pra Fuder“ (im Waschzettel des Album mit „To Fuck“ übersetzt), an deren Ende Soares mit brüchiger Stimme „Pra fuder, pra fuder, pra fuder“ („Ficken, ficken, ficken“) ins Publikum bellt.

Das Publikum reagiert schon zur ersten Zugabe mit standing ovations, bevor es Soares nach zwei weiteren Dreingaben unter zufriedenem Protest ziehen lässt. Das Konzert der Grande Dame der brasilianischen Musik war der unbestrittene Höhepunkt des dritten Festivaltages, soviel ist sicher. Ob man wieder die Gelegenheit bekommt, diese inspirierende Frau live zu sehen dagegen keineswegs. Obwohl sie selbst nicht ans Aufhören denkt: „Musik ist Protest“, sagte Soares 2015 zum Erscheinen ihres nunmehr 37. Albums The Woman At The End Of The World. „So lange es benachteiligte Menschen gibt, habe ich Arbeit vor mir.“ Und stimmte die Samstagabend Anwesenden schon einmal, vom Drummer ins Englische übersetzt, auf mehr ein: „Wir haben noch viele solcher Abende vor uns.“

 

 

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