Rückblende: Donaufestival 2017 in Krems

Deafheaven von David Visnjic

Auch eine Leistung: Am Ende eines langen Noise- und Techno-Wochenendes freut man sich beim Donaufestival auch wieder über melancholische Männer mit Gitarren. Unsere Rückblende mit Pharmakon, Gazelle Twin, Deafheaven und anderen.

Am Ende halten die Fenster, aber es ist knapp. Donaufestival, 6. Mai, früher Abend in der Minoritenkriche von Krems. Die New Yorker Musikerin Margaret Chardiet spielt eines der inzwischen weltbekannten Sets ihres Noise-Projekts Pharmakon. Es ist die brutalste Show eines an brutalen Shows nicht armen Wochenendes, die einzige vielleicht, die man als Angriff auf die anwesenden Körper und die sie umgebenden Räumlichkeiten verstehen kann. Chardiet ist eine Wucht, immer unterwegs zwischen Bühne und Publikum, unentwegt beschäftigt mit Mikrofon, Schreikrämpfen und einzeln adressierten Besuchern. Ihr Maschinenaltar besorgt den Rest dazu. Am besten wirkt Pharmakon jedoch draußen auf dem Minoritenplatz, wo ihre Musik nur unwesentlich leiser ist und man den Fenstern der Kirche beim Wackeln zugucken kann.

Im ersten Jahr von Festivaldirektor Thomas Edlinger findet das Donaufestival unter dem Motto „Du steckst mich an“ statt. Zusätzlich zur Musik, der Performance Art, dem Theater und den Talks gibt es auch noch eine Textsammlung zu kaufen, die sich um den Leitbegriff der „Empathie“ dreht. Zwei Mottos also, aber keins davon passt so gut wie der Titel eines Buchs, das Edlinger selbst im Jahr 2015 veröffentlicht hat. Es heißt Der wunde Punkt, und den trifft das Donaufestival.

Nach einem Erfolgswochenende mit den Einstürzenden Neubauten, Scritti Politti, Gas und anderen Zugpferden der gehobenen Nischenmusik, gibt es am zweiten Wochenende der Veranstaltung gehobene Nischenmusik ohne echte Zugpferde. Ist nun der britische Techno-Abstraktor Actress unser Headliner? Oder doch die kalifornische Black-Metal- und Shoegaze-Band Deafheaven? Spielt es überhaupt eine Rolle? Die Säle jedenfalls sind etwas weniger dicht gefüllt als eine Woche zuvor. Der erste Tag der Biergartensaison, die das Kremser Hofbräuhaus (Krems hat ein Hofbräuhaus) zeitgleich mit Blaskapelle und Bimmelbahn eröffnet, wird nicht schuld sein.

Dann doch eher das kompromisslos durchkuratierte Hardliner-Programm. Am zweiten Wochenende des Festivals geht ein experimentelles Theaterstück von Stephan Geene mit Musik von Justus Köhncke über den französischen Ex-Schlagerstar Ricky Shayne (Silberner Bravo-Otto 1972) schon als Atempause durch. Davor und danach: Synthie-Swing und -zerstörungswut mit Silver Apples und Emptyset. Party-Dancehall und Partybremsen-Dubstep mit Equinoxx und The Bug. Die britische Komponistin und Produzentin Gazelle Twin und ihr Kollaborateur Stuart Warwick brüllen das Publikum vom Laufband herunter an. Dazu laufen Filmeinspieler aus einem Parkhaus.

Gazelle Twin und Stuart Warwick von David Visnjic

All das ist, was es sein soll: progressiv, konfrontativ, herausfordernd, gespickt mit diskussionswürdigen Überlegungen zu Musiktechnologie, dem menschlichen Körper und der Frage, was man ihm zumuten kann. „Kunsti-Kack“ (ein anonym anwesender SPEX-Autor), schon irgendwie. Aber eben nicht kacke. Was einem die ganze Zeit über gefehlt hatte, merkt man nämlich erst, als man es gegen Ende des Donaufestivals bekommt. Es hat peinlicherweise mit Gitarren zu tun.

Deafheaven sind die beste Band des Wochenendes, aber sie sind auch fast die einzige. In Metal-Kreisen gelten sie noch immer als umstritten, weil sie metalferne Bandshirts tragen, einst eine Platte mit pinkfarbenem Artwork veröffentlichten und außerdem tolle Harmonien haben. Vermeintliche Reinheitsgebote des Metal erfüllt ihre Musik tatsächlich nicht. Sie gönnt sich längere Traumpassagen und bleibt selbst in ihren Ballermomenten unbollerig. Sänger George Clarke keift mit Black-Metal-Überzeugung, vollführt dazu aber Tänze und Dirigentengefuchtel, die seiner Performance zugleich den Anstrich einer Parodie verleihen. Er erinnert weniger an andere Metal-Sänger als an den Undertaker.

Deafheavens George Clarke von David Visnjic

Das Zusammenspiel und die Energie von Deafheaven, meinetwegen auch das Handgemachte ihrer Show, haben etwas befreiendes, nachdem man vorher zwei Tage lang Menschen beim Knöpfe drehen und Tasten drücken zugeguckt hatte. Ganz so schlimm, wie das Donaufestival zu sagen schien, steht es am Ende doch nicht um das Format der Band mit Instrumenten. Thomas Edlinger kann ja auch nichts dafür, dass die verbliebenen Mitglieder der Post-Punk-Free-Jazz-Avantgardisten This Heat unter dem Namen This Is Not This Heat auftraten, als wollten sie ihre eigene Daseinsberechtigung infrage stellen. Oder dass die eigentlich eingeladene Männerband Girl Band gar nicht erst angetreten ist.

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