Rashaad Newsome Foto: Lisanne Schulze

Trotz einiger zärtlicher Ausreißer wurde das Festival jedoch, je weiter die Woche voranschritt, immer mehr zu einer Art semi-masochistischen Grenzerfahrung: Wie viel Schmerz, wie viel Noise hältst du noch aus? Der Großteil der Auftritte wählte die Wut als Vorschlaghammer gegen identitären Konformismus respektive Konservatismus (Violence), den Willen zu körperlicher Verausgabung als Transmitter von Empathie (Whiplash-meets-Psycho-Drummer NAH mit dem denkwürdigen Zitat: „We can push each other. But we have to love each other, too“). Desorientierung (Jlin), Dezentralisierung (Gaika) und einigen wertvollen Lektionen in Sachen Durchhaltevermögen (die Gabber- und Hardcore-Nacht im Berghain im Besonderen). Die post-digitale Widerstandsmusik benutzt also neue gear, um die historischen Taktiken ihrer Unruhestifter (von Dada und Punk über Noise, Metal oder eben Gabber) ins Jetzt zu hieven. Sind das wirklich die einzigen künstlerischen Möglichkeiten, auf den verschlingenden Tumult zu reagieren und ihn zum Besseren zu wenden?

Umso dankbarer streifte man den weich geprügelten Körper am vorletzten Abend ab, um zusammen mit Holly Herndons Ensemble dem Spirituellen freien Lauf zu lassen und auf dem Höhepunkt des Festivals kollektiv aufzugehen. Die charakteristische Latzhose gegen eine Art hellblaue Latz-Toga ausgetauscht, dirigierte Herndon mit ihrem Partner Mat Dryhurst einen aus neun organischen Mitgliedern und einer (work-in-progress-artificial intelligence bestehenden Chor, der im Festsaal Kreuzberg seine Uraufführung feierte. Der Stanford-Doktorandin gehe es, nach der Erforschung des Einzelnen im Digitalen auf ihrem letzten Album Platform bei diesem Projekt, nun darum, die physische zwischenmenschliche Beziehung auf ihre Laptop-Musik zu übertragen, wie sie bereits im vergangenen Jahr bei einem Künstlergespräch erklärte; gemeinsames Kochen, Wohnen, oder eben Singen. Wie kann das radikale Potenzial von Live-Performances in der Intersektion Körper und Technologie ausgeschöpft werden? Wie kann sich die Tyrannei des Laptops zu einer Partnerschaft werden? Und wie kann eine genuine Alternative präsentiert werden, die Welt zu sehen und zu hören?

Es gilt künstliche Intelligenzen zu hacken und sie für demokratische und künstlerische Zwecke zu nutzen.

Nachdem jedem Ensemble-Mitglied die Gelegenheit gegeben wurde, ihre jeweils völlig unterschiedlichen (Sound-)Charaktere in kurzen Song-Vignetten zu präsentieren, erinnerte die Chorsituation zeitweise an einen VHS-Kurs zum Thema Stimmtraining oder eben an eine Polyphonic Spree 4.0, wo in Pastellfarben gelacht, sich gegenseitig geknuddelt und aus Leibeskraft gesungen wird: Hippie-Charme im Clubkontext, mit Herndons makellosen Beats als Rahmen, während der Anteil der künstlichen Intelligenz bis zum Schluss schleierhaft blieb. Unterstrichen wurde der Sekten-Effekt dabei durch das hochschwangere Ensemble-Mitglied Stina, die wie eine fleischgewordene Gaia angestrahlt und mit einem Diamantenstern auf der entblößten Bauchkugel die Performance von der Seite aus beobachtete, ehe sie zum großen Finale selbst das Mikro in die Hand nehmen durfte.

Holly Herndon Ensemble im Festsaal Kreuzberg Foto: Udo Siegfriedt

In diesem Moment glitzerten vereinzelt Tränen. Das Publikum klammerte sich nach all der Endzeit-Beschwörung der vorangegangenen Tage nur zu gern an den Optimismus des Ensembles, diesem Fangbecken kreativer Freaks, und an die Freude am Miteinander. „Alle gegen alle“ war gestern: „Gemeinsam haben wir viel mehr Macht, denn als Individuen“, kommentierte Herndon. „Das ist eine große Quelle der Hoffnung“. Das klingt zunächst naiv, doch Herndon füllt durch ihre Projekte den luftleeren Raum des Optimismus mit (kultur-)politischer Konkretion: Es gilt Alternativen zu schaffen zu digitalen Plattform-Monopolen, Dezentralisierung als wichtigstes Schlagwort der Woche, künstliche Intelligenzen zu hacken und sie für demokratische und künstlerische Zwecke zu nutzen. Pop als Trägersignal für handfeste Utopien. Die größte Lehre, die aus dem diesjährigen CTM gezogen werden kann.

Am letzten Abend, bei einem artist talk kurz vor dem Abschlusskonzert von DAF, schlägt der altersmilde Gabi Delgado in die gleiche Kerbe. Nach einer klischeebehafteten Aussage über die Maschinerien des Kapitalismus in der Kunst, fragte ich ihn später im Treppenhaus nach heutigen Möglichkeiten des Widerstands im capitalist realism: „Gründet Plattformen“, antwortete er. „Schafft euch Systeme außerhalb des Systems!” Während Delgado diese Worte sprach, lief vor den Red Bull Music Studios in Kreuzberg eine Demonstration gegen Recep Erdoğans Einmarsch in Nordsyrien entlang: „Solidarität ist unsere Stärke“ stand auf ihren Transparenten. Und mit den Ereignissen des Festivals im Hinterkopf, wirkte dieser tausendfach skandierte Slogan plötzlich wieder eigenartig radikal. Die offene Frage, die auch das CTM nicht beantworten konnte, bleibt, wie diese Solidarität eigentlich am Ende global aussehen soll. „Schaut nie zurück, Jungs und Mädchen!“, rief Delgado dem Publikum zuletzt beim Konzert noch zu. Vorerst ist the end of the f*cking world abgesagt, es gilt nun kollektiv und hoffnungsvoll nach vorn zu schauen.