Rückblende: CTM Festival 2018 – „Wie viel Noise hältst du noch aus?“

Holly Herndon Foto: Udo Siegfriedt

Die 19. Ausgabe des CTM Festivals trieb Publikum wie musikalische Konventionen an die Belastungsgrenze. Am Ende blieb jedoch eine fast süßliche Botschaft: The end of the f*cking world ist vorerst abgesagt, wir müssen kollektiv und hoffnungsvoll nach vorn schauen.

Die Menschheit stöhnt beunruhigt auf. Demagogen und Autokraten bellen Parolen der Vergangenheit in ideologischen Kämpfen, die längst als ausgefochten galten. Die Dissonanzen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung quietschen ohrenbetäubend im digitalen Äther und bislang stummen Algorithmen werden politische Stimmen verliehen, die in Bot-Form Systeme und Institutionen krachend zusammenbrechen lassen. Den bedrohlich brummenden Drone dazu liefern im Hintergrund Superstürme und schmelzende Gletscher. The end of the f*cking world ist ein lautes und chaotisches Spektakel.

„Turmoil“, also Aufruhr, Umbruch, Chaos, liest sich somit als adäquates Motto für die diesjährige Ausgabe des CTM Festivals, einem der wichtigsten Festivals für experimentelle Musik, Performance und Kunst. Während jährlich allein das zehntägige Rahmenprogramm aus Konzerten, Partys, Installationen, Workshops, Panels oder Künstlergesprächen an 13 Orten in ganz Berlin einen mentalen Überforderungszustand auslöst, trieb die 19. Ausgabe auch inhaltlich Überforderung und Tumult als künstlerische Prinzipien in ihre vielseitigen Extreme. Wie klingt der Umbruch? Wie kann man sich dem politischen Chaos künstlerisch entgegenstellen? Wo kann heute die gesellschaftliche Rolle von Musikerinnen verortet werden? Und wie kann passiver Konsum mithilfe der Technologie in kreativen Aktivismus umgelenkt werden? So klangen nur einige der vielen Leitfragen, die das CTM in diesem Jahr auf dem Rücken seiner zunehmend mit Erschöpfung kämpfenden Besucherinnen aushandelte.

Wut als vorSchlaghammer gegen identitären Konformismus

Bereits das Eröffnungskonzert im Hebbel am Ufer legte den Guerrilla-Spirit dieser verlängerten Festivalwoche fest, als Jace Clayton, besser bekannt als DJ/rupture, und die Pianisten Emily Manzo und David Friend im frenetischen Dialog ihrer Instrumente den widerspenstigen Geist des US-amerikanischen Minimal-Pioniers Julius Eastman auferweckten. Mit einem „Julius Eastman Memorial Dinner” wurde der schwarze, offen schwule Komponist geehrt, der Ende der Siebziger mit seinen Stücken „Evil Nigger“ und „Gay Guerrilla“ inmitten seiner Buffalo-Kollegen wie Le Monte Young oder John Cage lautstark am Käfig der weißen Minimal-Musik rüttelte, ehe er 1990 cracksüchtig, obdachlos und fast vergessen starb. Die CTM-Inszenierung ging über eine reine Hommage hinaus, Clayton manipulierte die Klavier-Performance live mit seiner unter anderem auf arabische Vierteltonmusik und den nordafrikanischen Maqam hin entworfene „Sufi-Plug-In“-Software, während in einem zwischengeschalteten Skype-Bewerbungsgespräch die Neo-Sufi-Vokalistin Arooj Aftab einige bewegende Partituren sang. Es war ein zehrendes Kräftemessen von kultureller Rezeption, kulturhistorischer Identität und technologischer Verantwortung. Ohne hörbare Gewinner, dafür mit hoffnungsvoller Aussicht auf Synthese.

Klein Foto: Camille Blake

Wenige Tage später im Berghain wurde man dann Zeugin einer anderen Vision der Synthese, einer, die auf die exzessive Simultanität unserer Gegenwart setzt. Flimmernd im roten Scheinwerferlicht, die Augen halb verschlossen, spielte Klein, die Hyperdub-Entdeckung aus Südlondon, ein Live-Set ihrer jüngsten EP Tommy, das selbst „Turmoil“-erfahrene Ohren zu gleichen Teilen ratlos und fasziniert zurückließ. Dean Blunts musikalischen Ansatz weiterdenkend, war die einzige, die zwischen den widerwillig zusammenschmelzenden Sample-Schichten aus Reality-TV-Szenen, duseligem R’n’B, irischen Folk-Versatzstücken oder den über Schluckauf-Beats gespannten Foo Fighters, Live-Gesang und wahnsinnig machenden Loops den Groove erkannte und ertanzte, augenscheinlich die Musikerin selbst. Die Zaungäste des Experiments starrten. Angeturnt, doch sichtlich überfordert von diesem Stoß auf unbekanntes Gebiet und der Gleichzeitigkeit von so vielen widersprüchlichen Emotionen. Ganz ohne Aufsehen wurde Klein mit ihrem Auftritt zu einem der Schlüsselmomente des diesjährigen CTM. „I trust the unknown“ steht ja auch auf Björks Utopien-Agenda, die sich kürzlich öffentlich als Klein-Fangirl bekannt hat.

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