Rückblende: Bianca Casady auf Kampnagel

Fotos: Kerstin Behrendt 

Am Wochenende gastierte Bianca Casady, eine Hälfte des Kunstpop-Schwesternpaares CocoRosie auf dem Internationalen Sommerfestival in Hamburg. Ein Blick zurück.

Es würde eine Inszenierung der Extreme werden, das verrät schon die erste Minute: Bilder einer weißverhüllten, maskierten Frauenfigur flimmn über die aufgebaute Projektionsfläche. Unter eindringlich akzentuierten Klangfragmenten krümmt sie sich in entrückten Momentaufnahmen, mal madonnenhaft, mal gespenstisch. Dann spreizt sie die Arme wie Flügel, als wolle sie die Besucher willkommen heißen oder verschrecken – je nach Empfindsamkeit. Der Einstieg, ein emotionaler Rorschach-Test.

Bianca Casady, das ausführende Kreativzentrum der 80 Minuten andauernden Konzert-Performance, ist bereits bestens bekannt für ihre interdisziplinären Werkansätze: Die 1982 in Hawaii geborene Künstlerin brilliert in vielen Disziplinen, berühmt geworden ist sie aber mit dem musikalischen Artfolk-Projekt CocoRosie, das in Zusammenarbeit mit ihrer Schwester Sierra schon seit 2003 Dekonstruktion auf allen gesellschaftlichen Ebenen betreibt.

Das (noch) namenlose Bühnenstück, das nun im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg uraufgeführt wird, entstand dabei, wie auch schon Nightshift – A feeble Ballet, wieder ganz ohne die Hilfe der großen Schwester. In Kooperation mit ihrem langjährigen Live-Support, der vierköpfigen Band The C.i.A., und dem Tänzer Biño Sauitzvy, präsentiert Casady Junior ihr neuestes Solo-Projekt den Augen der Welt und positioniert sich erneut mit einem moderaten Abstand zum gewohnten CocoRosie-Klangrezept.

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Im Mittelpunkt der Performance steht diesmal der Körper, symbolisch sowie explizit. Eingespannt in ein bipolares Spannungsfeld zwischen Subjektivierung und Objektivierung wird er ganz in einem grotesken Weltempfinden visualisiert: Von einem meterhohen Holztisch taumelnd, stürzt der brasilianische Tänzer Sauitzvy, entfremdet und fratzenhaft maskiert, auf die Bühnenbretter. Dort windet er sich wie eine Marionette im Spiel der eigenen Muskeln, die Bewegungen steif, mechanisch. Im zweiten Tanzakt schlüpft Sauitzvy in die Rolle des ironischen Harlekins, dem absoluten Symbol der Karnevalisierung selbst.

Das Spiel mit Exaltiertheit und Entfremdung durchdringt nicht nur die Choreografie: Die puppenhaften Bewegungen werden getragen von unsteten Klanglandschaften und störenden Interferenzen. Sägende Geigen, knisternde Field Recordings und hallende Electronica-Kompositionen wechseln mühelos zu Jazz-Momenten mit Improvisationsgefühl. Blecherne Trompeten-Akkorde fließen in romanische Folklore-Idiome und wieder zurück – alles ein sorgsam orchestriertes Chaos, zusammengehalten von Casadys kristallin-kehliger Stimmfarbe und ihren oftmals dahingeblafften, märchenhaft metaphorischen Versen.

Laut dem russischen Philosophen und Literaturwissenschaftler Michail Bachtin fordert die Karnevalisierung der Kultur eine Umstülpung aller gesellschaftlichen Normen und die Entdeckung des Körpers als Element der Groteske: Erst so wird er universell, depersonalisiert und zeigt sich offen während aller Akte seines Körperdramas. Bianca Casady bewegt sich mit ihrem Kunststück zwischen den Polen: Sie abstrahiert die Akte des weiblichen Körperdramas wie etwa Masturbation und Menstruation, macht sie ergo universell, spannt sie aber in aktuelle Kontexte wie Hyper-Individualisierung, Gender-Konstruktionen, Glaubensfragen und märchenhafte Romantisierungen.

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Als der maskierte Clown so zum Beispiel seine Latzhose abstreift und in High Heels und Korsage zur hüftenkreisenden Travestie wird, empfindet der Zuschauer Erleichterung: Wir hatten diese Dekonstruktion nicht nur erhofft, wir hatten sie erwartet. Als in einer anderen Szene die als weiblich konnotierte Figur beginnt, lustvoll zu masturbieren, sieht sich der Zuschauer hingegen wohl mit dem intimsten Akt des Körperdramas konfrontiert. Zumindest solange, bis ein Stroboskop einsetzt und ganz theaternah den Deus Ex Machina ankündigt. Dieser ist jedoch, Casady sei Dank, wenig göttlich, sondern gleich der Teufel in Person. Dandyhaft maskulin und oberkörperfrei, fordert er seinen Tribut und vergewaltigt die gemimte Frauenfigur. Hilfe, Klischee? Nein, wir erahnen hier die sich regende Doppelmoral, den beckmesserischen Zeigefinger der Gesellschaft: Das passiert dem bösen Mädchen, das Hand an sich legt!

Neu ist weder die Inszenierung der gesehenen Tabus noch ihre Demontage: Das macht letzteres aber lange nicht weniger wichtig. Gerade in einer Zeit, wo das Individuum zwischen seiner Austauschbarkeit und ersehnten Hyper-Individualisierung zu zerreißen droht, bietet diese Inszenierung eine gelungene Gratwanderung zwischen den Extremen.

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