Rückblende: Beak, Jessy Lanza, Savages und Wrangler beim Le Guess Who?

Foto: Jan Rijk

Le Guess Who?, Tag zwei: Rolltreppenfahren zwischen den Welten. Beak, Jessy Lanza, Savages und Wrangler malen auf sieben Stockwerken des Utrechter Tivoli Vredenburg mit vier verschiedenen Klangfarben.

Ein Vorteil Utrechts sind, die ungesund hohe Zahl guter Kaffeeläden einmal ausgenommen, die kurzen Wege. Die Stadt südlich von Amsterdam ist in der Fläche nicht viel größer als, sagen wir, Mainz – hat kulturell jedoch mindestens so viel zu bieten wie jede halbwegs ernstzunehmende Großstadt. Im Alltag bedeutet das, dass man keine Ausreden hat: Vor dem nächsten Pflichtkonzert noch eine Stunde Zeit, die interessanten Newcomer spielen aber am anderen Ende der Grachtenstadt? Kein Problem, nach 15 Minuten Fußweg ist man da.

Beak Foto: Jan Rijk
Beak Foto: Jan Rijk

Dieses Prinzip der sanft aufgezwungenen Gleichzeitigkeit scheint man sich beim Bau des Stahl-Glas-Beton-Kulturklotzes Tivoli Vredenburg zum Vorbild genommen zu haben. Im Herzen des Le-Guess-Who?-Festivals stapeln sich auf sieben bis acht Stockwerken gefühlt zwanzig kleine bis riesige Konzertsäle. Freundliche Helfer an allen Ecken und Enden: Rolltreppen jeglicher Form und Länge. Die sind auch bitter nötig, schließlich finden allein an diesem Abend vier must-see-Konzerte mehr oder weniger Parallel statt. So findet man am zweiten Festivaltag unerwartet zu einem neuen Festivalformat: Konzerthopping auf der Rolltreppe. Geplante Umsteigezeit dabei: null.

Schuld an dem Schlamassel sind die vier Mädels von Savages. Den Londonern wird neben Julia Holter, Suuns und Wilco die Ehre zuteil, ihr eigenes kleines Festival im Festival kuratieren zu dürfen. Und wie! Der Abend beginnt nämlich mit einem echten Highlight. Beak, die (längst nicht mehr ganz so) neue Band von Portishead-Kopf Geoff Barrow bespielt den Rondo-Saal im dritten Stock (zwei Rolltreppen). „We haven’t played in a while, guys“, eröffnet Barrow das Set fast entschuldigend – Pustekuchen! Gleich mit dem ersten Song blasen Beak sämtliche Bedenken weg. Billy Fullers Bass operiert stets zwischen Übersteuerung und bleibendem Gehörschaden und bildet das Bindegewebe zwischen den von Barrow (Schlagzeug) und Will Young (Gitarre, Synthies) eingestreuten Klangnuancen. Ist das Krautrock? Hypnotischer Lärm? Alptraum eines Ohrenarztes? Nein, einfach nur Beak. Das bisher beste Set des Festivals.

Jessy Lanza. Foto: Jelmer de Haas
Jessy Lanza Foto: Jelmer de Haas

Während im Rondo noch die letzten Trommelfelle perforiert werden, muss man allerdings schon weiter in den siebten Stock. Hoch oben über Utrecht (zwei Rolltreppen, vier normale) spielt nämlich Jessy Lanza. Man merkt sofort, dass die Kanadierin zwischen ihrem Debüt Pull My Hair Back und dem Anfang des Jahres erschienenen Oh No neue Hörerschichten für sich gewonnen hat: der mittelgroße Raum ist proppenvoll und schon beim ersten Song „Kathy Lee“ kann kaum jemand die Füße stillhalten. Dank des lupenreinen Sounds kommt Lanzas experimenteller R’n’B an diesem Abend beinahe besser zur Geltung, als er es auf Platte könnte. Lanzas Stimme klingt live weitaus facettenreicher als aufgenommen, die Beats erfüllen das ganze Dachgeschoss und fahren ohne Umwege in die Beine.

Die muss man recht bald jedoch schon wieder zur Ordnung rufen, denn vier Stockwerke tiefer (vier normale Treppen, zwei Rolltreppen) sind Savages an der Reihe. Das Utrechter Publikum scheint zu wissen, dass es sich bei den vier Londonerinnen um eine der besten Livebands unserer Zeit handelt, schon eine Viertelstunde vor Beginn ist der große Saal restlos belegt. Als Sängerin Jehnny Beth und Kolleginnen schließlich auf die Bühne treten dauert es keine zehn Minuten bis die ersten Stagediver die Bühne stürmen. Das Quartett spielt neben einer Handvoll älterer Songs hauptsächlich harte, schnelle, laute Stücke vom Zweitwerk Adore Life. Und, man entschuldige den Ausdruck, heizt damit dem Publikum ordentlich ein. Schon nach vier Songs hält es niemanden mehr auf den Sitzplätzen, zwei Songs später lässt sich Jehnny Beth durch den Raum tragen, kurz darauf hat sie sich ihrer High Heels entledigt und steht wie eine mythische Göttin auf den Schultern des Publikums. Das Konzert in aller Kürze: heilige Scheiße.

Wrangler Foto: Jan Rijk
Wrangler Foto: Jan Rijk

Im Dachgeschoss (zwei Rolltreppen, vier normale) fügt sich derweil der Abend zu einem Ganzen. Wrangler, die Band von Ex-Cabaret-Voltaire-Mann Steven Mallinder, spielen ihren düsteren, Maschinensound, der in etwas so klingt, wie man sich in den Achtzigern den Klang der vermaledeiten Zukunft vorstellte. Mit altem, analogen Drum-Equipment, Synthesizern und einer Heerschar von Kabeln und Knöpfen basteln Mallinder und seine zwei Kollegen karge, äußerst tanzbare Musik mit Gesang, der klingt wie die Sprachausgabe eines Gameboys der ersten Generation.

Rückblickend kann man Savages nur für ihr kuratorisches Geschick beglückwünschen: Wrangler bilden so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner der an diesem Abend spielenden Acts. In ihrem Sound findet sich der Ausgangspunkt für Beaks repetitive Klanglandschaften, für Jessy Lanzas Future-R’n’B‘ und irgendwie auch für Savages Krachwände. Vier verschiedene Klangfarben im selben Bild eben. Die zehn Rolltreppenkilometer haben sich gelohnt.

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