Rudi Zygadlo Tragicomedies

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Rudi Zygadlo Tragicomedies Planet Mu / Cargo — 21.09.2012

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Schon wieder ein großartiges Album, das sich explizit auf Berlin bezieht und klischierte Zuschreibungen à la Party- und Techno-Hochburg locker umschifft. Dabei wurde der aus Glasgow stammende Rudi Zygadlo 2010 noch für sein Vorgängeralbum Great Western Laymen als Erfinder des Fusion-Dubstep gepriesen.

   Während der Arbeit an Tragicomedies, erzählt Zygadlo, sei er nach Berlin gezogen, dort habe er Lebensveränderndes erlebt, was das Album geprägt hätte. Er singt von Trennung, vom Horror des Aufwachens in dunklen Räumen, beschwört vergangene glückliche Zeiten der Zweisamkeit: »Never felt alone out there / Next to you / Longing for life to begin / Far from you.« Folgt man der Musik, merkt man, dass Berlin (im Unterschied zu Glasgow) so groß ist, dass das Meiden (des Offensichtlichen) ein Einfaches ist; oder dass die komische, defekte Energie dieser Stadt einen eben an seltsame Orte treiben, in seltsame Zeiten schicken oder schlicht auch in Ruhe lassen kann. So behauptet Zygadlo, die einzigen Konzerte, die er in Berlin gesehen habe, hätten in der Philharmonie stattgefunden – allerdings nicht im Orchestersaal mit seiner weltweit gepriesenen Akustik, sondern, admission free, zur Mittagszeit im Vorraum.

   Zygadlo erzählt gerne. Er kokettiert mit seiner Belesenheit – oder mit einem gewissen Schein davon. Bei der Komplexität seiner Musik darf man annehmen, dass das tatsächlich mehr ist als postpubertäres Rumgepose. Auf Bulgakov verwies ein Stück auf seinem letzten Album; ein Schlauer fragte noch nach Beckett, lachend winkte Zygadlo ab; natürlich wird ihm das jetzt dennoch zugeschrieben. Aber soll es doch! Schließlich macht er da weiter: Ein Album über die neun olympischen Schutzgöttinnen der Künste sollte Tragicomedies ursprünglich werden. Das war wohl etwas zu viel gewollt – zwei Stücke, »Melpomene« und »Waltz For Daphnis«, sind geblieben, ein weiteres, ein Spieluhr-Instrumental auf Basis des Traditionals »Greensleeves«, ist nach der Unterweltsgöttin »Persephone« benannt. Es wäre ein Leichtes gewesen, weiteren Songs Namen der Musen zuzuweisen, aber, wie gesagt, die hohle Pose ist Zygadlos Sache nicht.

   Tragicomedies ist durchaus Computermusik, bedingt könnte man es auch Clubmusik nennen: Das Album klingt unverschämt gut, fett, und die melodischen Überlagerungen und Harmoniecluster funktionieren vor allem auch rhythmisch – die hierfür passende Diskothek wäre allerdings noch zu erfinden. Dennoch ist Zygadlo eher Singer/Songwriter oder, genauer gesagt, mit diesem Album zu einem geworden. Zu einem von der etwas exzentrischen Sorte, sprachlich nicht ganz so versiert und ohne ironische Distanz – zumindest spürt man diese nicht –, aber schon mit Sufjan Stevens oder Momus im Sinn (letzterer nicht zuletzt auch Schotte und musikalisch ähnlich eklektizistisch). Ein Unterschied vielleicht: Wo Momus Musik über die Jahre immer gezielter als Vehikel einsetzte, um Text zu transportieren, sich in zunehmender Geschwindigkeit mal hier, mal da bedienend, arbeitet Zygadlo langsamer, komplexer, malt impressionistisch mit Tönen Bilder und setzt, wo ihm die Worte ausgehen, das Erzählen mit musikalischen Strukturen fort. Seine Mittel der Wahl sind (in alphabetischer Reihenfolge): Canterbury Sound, DX-7-Yacht-Pop, europäische Folklore, Glitch, King Crimson zu Pete-Sinfield-Zeiten, Matmos-Funk, Moondog-Kammerspiel, orchestraler ZTT-Ambientpop, Smiley Smile, Smokey-Robinson-Doo-Wop, Super-Collider-Soul, Swingle-Singers-Vokalakrobatik, Talking-Heads-Gospel, T-Rex-Folkpop – das komplette spinnerte Programm.

   Dabei thematisiert Zygadlo weniger den Bruch als vielmehr die Verfugung. Genres und Stile verklebt er mit einer ordentlichen Ladung Autotune. Dezentheit ist dabei seine Sache nicht. Warum auch? Das sind die Freuden der Jugend, die Jahre ziehen schließlich schnell genug vorbei. Zärtlich ist er schon, grob ist sein Vorgehen nicht, eher ein Suchen, Sich-Ausprobieren.

   »Melpomene«, die erste Auskopplung, ist exemplarisch. Das Video (s.u.) ist wie der Trailer zu einer klassischen britischen Coming-of-age-Geschichte: Kleinstadt am Meer, eine verblassende Sommerliebe, ein ländliches Autorennen – vielleicht mit dem Zirkus weiterziehen, fliehen aus der Enge und Begrenztheit der endlosen countryside? Der Song baut wie alle Stücke auf einem Klavierthema auf (ab der Mitte des Albums ersetzt er diese Klangfarbe durch elektrifizierte Tasteninstrumente). Leicht orchestriert perlen Pianoläufe, immer wieder greift das Autotuning; dann stoppt das Band abrupt. Als Robert-Wyatt-Kantate läuft es weiter, steigert sich zu Arpeggio-Irrsinn, bricht ab, setzt neu an.

   Aus diesem von irgendetwas zusammengehaltenen Identitätenchaos, aus einer Vielzahl von Ichs, schleift Rudi Zygadlo einen Kristall, in dem kaleidoskopartig immer noch alle Möglichkeiten aufscheinen, der aber auch eine neue Entität darstellt, vielleicht eine namens Schönheit. Und dass man diese Bastelei mit Vergnügen anhören kann, liegt daran, dass die große Klammer, die Tragicomedies zusammenhält, sich P-O-P buchstabiert.

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