RP Boo „I’ll Tell You What!” / Review

Damit ist das Prinzip dieses dritten Albums des Footwork-Pioniers aus Chicago auch schon beschrieben: Beats, Bass, Synth-Sounds, Samples.

Ein maschinenhaftes, pulsierendes Wummern als Bassline, ein elektronisches Knarzen. Bassdrum, Snare und ein paar andere Elemente aus dem Computer-Preset formieren sich zu einem rhythmischen Muster, das so steif wie funky losmarschiert. Drüber knarzende Synthiegeräusche. Dann aber lässt RP Boo nonchalant seine Samples fallen. Einsatz Jenifer Lewis: „Nobody fucking with me in these streets.” Dann eine Männerstimme: „I get the turntables, you get the floor.“ Bald versammeln sich mehr und mehr sprechende und singende Stimmen zu einer Kongregation. So fängt I’ll Tell You What! an.

Und damit ist das Prinzip dieses dritten Albums des Footwork-Pioniers aus Chicago auch schon beschrieben: Beats, Bass, Synth-Sounds, Samples. Boo wechselt Tempo und Rhythmus. Seine Beats sind verschachtelt, ohne deswegen abwegig, also untanzbar zu werden. Sie gehen stramm nach vorn, die Sample-Loops lehnen sich entspannt zurück. Mittels Melodien und Zeilen aus Rap-, Soul- und Funk-Klassikern erzählt Boo seine Geschichten: „We are at war in the street / We are at war in the street. Crossfire! / (…) Keep your home fire burning. /We keep it burning, baby“. Wie sang Millie Jackson in ihrer Version von „Keep the home fire burning“ noch mal? „I know you’re sad and you’re lonely / But that’s the price we all have to pay for love!“ Spätestens hier will man aufspringen und durchs Wohnzimmer tanzen. Eine geloopte Pianomelodie ist hingegen Grundlage von „U-Don’t No“. Die eingängigste Zeile geht so: „Cause they always start to cry“. Eindeutig die Stimme von Stevie Wonder auf „Lately“ – einer Ballade, aus der sich Boo übrigens auch die paar Takte Piano geborgt hat.

Euphorie als fernes Echo in einer dystopischen Welt.

I’ll Tell You What! ist schon jetzt eines der ganz großen Alben des laufenden Jahres. Ein melancholisches Album voller Lyrics alter Songs, die von Sex, Liebe und Abhängigkeit handeln. Und damit der Soundtrack für eine Zeit, in der die sozialen Zusammenhänge endgültig zerrissen sind. Single mothers, junge Männer in den Knästen. Die Euphorie, der Überschuss an positiver Energie, die in den Siebzigern noch in die afroamerikanische Musik geflossen sind, obwohl die ja eigentlich die Ära der enttäuschten Hoffnungen waren, als fernes Echo in einer dystopischen Welt, deren Klaustrophobie sich nur so genießen lässt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.