Roots Manuva – Vogue that thing! / Feature & Konzertpräsentation

Fotos: Mark Pillai

Rodney Smith aka Roots Manuva, Sohn jamaikanischer Einwanderer mit viktorianischen Werten, Beat-Revoluzzer, Groß-Lyriker und Chefstyler ist seit 20 Jahren Englands nachhaltigster Beitrag zur Weltkultur HipHop, wofür ihn seine Gefolgschaft längst in den Adelsstand erhoben hat. Mit seinem neuen Album Bleeds geht Sir Rodney eine Etage höher – zu Jesus. Wir entwirren das zugehörige Zeichensystem von Vogue bis Mark Rothko im Vorfeld des von SPEX präsentierten einzigen Deutschland-Konzerts in Berlin.

Da sitzt er auf dem Sofa und könnte Ben-Sherman-Model sein: ein smart gekleideter, minimal angegrauter Gentleman. Leicht entrückt-gelangweilt, wie man ihn von Fotos kennt, geht sein Blick durch einen hindurch, in die Ferne. Rodney Smith spricht tief, weich und langsam, mit vielen Pausen, vor allem aber Wendungen. Ich hätte mich warnen lassen können. Oder einfach seine Texte studieren. Zum Beispiel: »Taskmaster burst the bionic zit splitter« – nicht etwa eine besonders obskure Zeile einer obskuren B-Seite, sondern der Auftakt von »Witness (1 Hope)«, Roots Manuvas Hit von 2001, flächendeckend als »bester UK-HipHop-Track aller Zeiten« bezeichnet. Eine Sensation aus hektisch pumpendem Digi-Dancehall und einer sonor-fließenden Sprach-Melange aus Shakespeare, Brixton und Patois. Die Punchline »Witness The Fitness« wurde für Jahre das geflügelte Wort der Szene, die folgende Zeile »the cruffatin liveth« war schon einer zu viel.

Rodney Smith, geboren 1972, wuchs im Londoner Süden auf, dem neben New York popkulturell fruchtbarsten Boden der Achtziger, und wurde von den Soundsystems und DJs seiner Brixtoner Nachbarschaft (Eek-A-Mouse, Asher Senator) infiziert. Zu seinem Style brachte ihn der heiße Scheiß aus NYC, Post-Grandmaster-Flash-HipHop, allen voran Rakim. 1994 gab es die erste Single unter dem Namen Roots Manuva, 1995 hatte ihn der einflussreiche HipHop-Journalist Will Ashon auf dem Radar, zwei Jahre später rief Ashon mit Coldcut den Ninja-Tunes-Ableger Big Dada ins Leben und griff sofort zum Telefon. Rodneys Bedingung: keine Singles mehr. 1999 erschien Brand New Second Hand. »Ich dachte, das hören ohnehin nur die 1500 englischen HipHop-Fans«, sagt Smith heute. Es wurden 100.000 und mit dem 2001 folgenden Meilenstein Run Come Save Me mit dem Hit »Witness« wurde Roots Manuva zur Ikone, ein »One Man Powerhouse« der »jede Art von Song mit fließendem Selbstvertrauen und bemused air in den Griff bekommt«, so John Bush auf allmusic.com. »Bemused Air«? Verwirrende Luft? Benebelnde Stimmung? Irritierende Aura? Trifft die Sache in jedem Fall auf den Punkt.
 Als »Nonkonformist und Exzentriker« bezeichnet ihn der Independent – höchstes Lob für britische Künstler –, schreibt aber auch, dass direkte Fragen bei Manuva meist zu abstrakten Antworten führen, Themenwechseln oder Witzen. Den Titel seiner neuen Platte Bleeds erklärt der Mystifyer als »egozentrischen Scherz, Dinge in der Tradition von Jesus anzugehen: Ich bin bereit, für die Kunst zu bluten«. Ein echter Roots Manuva: Eitelkeit, Selbstironie, zweimal um die Ecke. »Ich glaube, es kommt davon, dass ich altmodische Eltern habe«, sagte er dem Independent. »Eltern, die aus dem ländlichen Jamaika kommen und diese zeitversetzten Werte haben. Sie leben mit viktorianischen Werten, dadurch hatte ich immer Fantasien über Zeitreisen, darüber, am falschen Ort zur falschen Zeit geboren zu sein.«

ENGLAND’S DREAMING

Mit Punk hat Roots Manuva nur so viel zu tun wie fast alle englische Indie-Kultur der Jahre danach. England’s Dreaming ist bekanntlich der Titel von Jon Savages Punk-Historiografie, der umschreibt, was popkulturell seit Punk über der Insel schwebt: Wave, Nebel, das endgültige Bewusstsein verlorener Großmacht, und John Lennon, Sid Vicious und Ian Curtis sind auch tot. Inselträume von Monarchie, Shakespeare, Sherlock Holmes, Livingstone, Oscar Wilde und der Würde der Arbeiterklasse. Eine wehmütig-wabernde, politisch-unkonkrete Melange, die sich vor allem in der Stimme und dem Gesamtwerk von Damon Albarn ausdrückt, mit fließendem Übergang zu Coldplay und Harry Potter. Roots Manuva, der 2014 Blur im Hyde Park supporten durfte, reiht sich ein. Als Teenager hat Rodney ein lokales Kommunistenblatt ausgeliefert, war auch auf Versammlungen. Heute trauert er über den Zusammenbruch des Sozialismus. »Ich rede nicht so viel darüber, aber ich frage mich immer noch, warum diese Ideen so plötzlich verschwunden sind. Ich meine, besteht die Welt nur noch aus verrückten Rechten?«

Nein, natürlich nicht. In Südamerika gibt es progressive linke Regierungen, selbst in den USA einen sozialistischen Kandidaten, der ordentlich Zuspruch bekommt.
 »Oh wow, in England fühle ich das nicht.« Wäre durchaus möglich, wenn man es wollte, aber Roots Manuvas Kopf ist woanders. Was nicht bedeutet, dass er keine politischen Aussagen trifft – nur eben mit der ihm eigenen Abstraktion. Wie sein Traum von einer großen, alten Villa in Wiltshire, die er in ein Raumschiff verwandelt.

HIPHOP

»Chuck D! Man, ich habe ihn letztens gesehen, und er hat gerockt wie ein 20-Jähriger, vielleicht sogar besser.«
 Wenn Roots Manuva HipHop ist, dann ist Joanna Newsom Folk. Anders gesagt: natürlich ist er HipHop, Zierde und Adel dieser immer wieder eng verstandenen Kultur. Und wie es sich im HipHop geziemt, beruft er sich vor allem auf James Brown.
 »Seine Herrschaft über die Sprache der Musik … Ich meine, wenn er einmal 
›Hey!‹ gerufen hat (macht einen zackigen James-Brown-Move), da war so viel drin! Und seine Arrangements: Er hat denselben Groove über fünf Minuten gespielt, und nur in der letzten Minute variiert. So was hörst du heute nicht mehr. Alle sind so clever geworden.«
Und was ist mit Coltrane? Marley? »Ja alles richtig, aber James Brown durchschneidet die Zeit, hat sein eigenes Echo.«

Hörbar ist der Brownsche Disziplin-Funk in Manuvas Soundwelt nur als entfernte Referenz. Seine größtenteils selbst programmierten und arrangierten Tracks leben in Gegenwart und Zukunft; wuchtiger Boom-Bap-Hop, digitaler Ragga und Dub, Breakbeats, 2Step und eine Vielzahl von Videospiel-Geräuschen, Flöten und anderem Spielkram – das UK-jamaikanische Pendant zur US-Revolution von Timbaland und Missy Elliott. Auf die Insel bezogen ist er das bewegliche Gelenk zwischen den US-Ahnen KRS-One, Rakim, Chuck D und den UK-Enkeln Streets, Wiley und Dizzee Rascal. Er nennt es die »Kultur von Bass & Verb«. Nur improvisierte Spielarten wie Freestyle und Spoken Word mag er nicht. Rodney Smiths Realness ist die Poesie, die er mühevoll erstellt. Das Gegenteil von Freestyle. »Nein, davor gruselt es mich. Ich liebe Beats, ich liebe Noise, diese transparente Abhängigkeit nur von Worten kann ich mir nicht vorstellen.«

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ERFOLG

Auch wenn er kein Frühstarter war, seit dem Schulabschluss gab es für Rodney nur noch Musik, schreiben, basteln, rein und raus in Studios. Dabei hätte er gerne studiert, am liebsten natürlich englische Sprache. Oder auch Technologie. Dafür aber gibt es Kinder. »Zu viele Kinder«, wie er mit einer Mischung aus Seufzen und Lachen sagt. »Zu viele, um ein unabhängiger Künstler zu sein, der diese unlogischen unkommerziellen Entscheidungen trifft.«

Zum Beispiel jahrelang allen Avancen der Majors standzuhalten, die ihn seit dem Debüt zuverlässig begleiten. So steht er nach 20 Jahren im Geschäft in der ebenso würdevollen wie rentengefährdeten Tradition anderer Ikonen wie Lee Perry oder auch Shut Up & Dance und dem gesamten Ostküsten-HipHop der ersten und zweiten Generation – obwohl letztere überwiegend Major-Verträge hatten. Auch wenn die Alben mit den Jahren ihre Runde gemacht haben, erreichte »Witness« gerade mal Platz 45 der englischen Single-Charts, und seit dem großartigen, allgemein aber als zu dunkel und introvertiert empfundenen Awfully Deep (2005) geht es kontinuierlich bergab, was Rodney ebenso freimütig zugibt, wie er sich über die unkaputtbare Treue seiner Ehe mit Big Dada wundert. Filmangebote gab es übrigens auch. Aber er möchte lieber irgendwann seinen eigenen Film machen. Und natürlich einen Auftritt im Wembley Stadion mit 60-köpfigem Orchester spielen: »Die Royal Albert Hall wäre auch ok. Aber ich liebe das Spektakel.«

MARK ROTHKO

Von Diedrich Diederichsen in SPEX unlängst mit Arvo Pärt und »Abschalten, Meditieren und Hirnwellness« gleichgesetzt, haben wir in Rodney Smith nicht nur einen Fan dieser »gemütlich monochromen Farbverläufe« (Diederichsen) – er bezeichnet sich selbst als »British Black Music Mark Rothko«. Klar, Bescheidenheit war noch nie Bestandteil von HipHop. Doch Mark Rothko? Kunst, der man sich in diskursfrei-romantischer Schwärmerei hingibt, die »Wahrheit« als individuelle Poesie, als Gefühl? Dergleichen würde man doch eher Coldplay als Chuck D zuschreiben. Roots Manuva aber verkörpert beides und bezieht sich auf Mark Rothko und nicht William Turner, was im Sinne der britisch-träumerischen Immersion besser ins Bild passen würde. Doch es handelt sich hier eben um Rodney und nicht um Robert Smith, mit Wurzeln in Jamaika und einer kulturellen Bildung, die HipHop heißt und bei James Brown ansetzt. Zum Teil. Dem Teil, den wir bisher hören durften. Bleeds hingegen gibt dem anderen Teil seiner Vorlieben Vorrang. »Deep sonic meditation, die Kehrseite von Boom Bap«, wie er es ausdrückt. Entstanden ist das Werk in einer komplett neuen Situation. Will Ashon ist weg, Big Dada komplett gewandelt, der Individualist musste zum Teamplayer werden. Ein Setup, das ein Ego wie Rodney Smith nur mitspielt, weil er es zuvor noch nicht gespielt hat und neue Setups liebt. Außerdem liebt er Achtzigerjahre-Alben mit sieben oder acht Tracks. Bescheidener Ansatz also: eine Platte von »globalem Wert«, die 20 Jahre »Sonic Heritage« reflektiert. Übersetzt heißt das »akustisches Vermächtnis«, »klangliches Erbe« oder, weil er ja nicht tot ist, einfach »Soundwerk«.

Auch wenn das wie immer mit wohlmoduliertem Tongue-in-cheek rüberkommt, leidet Bleeds trotzdem unter dem Über-Anspruch eines theoretischen Triple-Albums in klassischer Form. Die Einbindung einer Vielzahl von Produzenten, von alten Recken wie Adrian Sherwood über junge Retro-Fans wie Machinedrum und Fred, bis zum omnipräsenten Four Tet, machte die Sache nicht unbeschwerter. »Was wir hier haben, ist das Ergebnis von vielen Nächten voller Kompromisse«, sagt der Urheber. Auch rein pragmatischen wie dem, dass die Kürze des Werks es neuen Musikern leichter mache, den Stoff zu lernen, und, so hofft er, »live mehr Raum für künstlerische Freiheit lässt«.

VOGUE

Hands up: wer denkt bei HipHop an Tanzen? Bisher löste Roots Manuva dies immer ein, auch mit den letzten beiden Alben, dem futuristischen Digi-Dancehall von Slime & Reason (2008) und der Etwas-von-Allem-Werkschau 4everrevolution (2011). Selbst zu seinem alten Kuschel-Hop-Klassiker »Dreamy Days« konnte man herrlich schunkeln. Bleeds dagegen erscheint, vom Four-Tet-produzierten »Witness«-Klon »Facety 2:11« abgesehen, so tanzbar wie das Gesamtwerk von Tricky. Der Künstler sieht das nicht so. »Ich glaube, man kann auf unterschiedliche Arten tanzen«, sagt er schmunzelnd und macht ein paar expressive Armbewegungen. »Das wollte ich mit diesem Spektakel animieren, nicht immer die gleichen Moves. Ich möchte Vogue: HipHop, zu dem du voguen kannst.«

ROOTS MANUVA!

Vogue? Langsam kommt die Erinnerung: ein von Madonna extrapolierter Laufsteg-Dance der Achtziger, mit schwulem Harlem-Ursprung. Mehr Armarbeit, weniger Beine. »Geht in jeder Geschwindigkeit«, sagt Roots Manuva. »Express yourself!«
 Man darf gespannt sein, auch wenn sein sechstes Studio-Erzeugnis atmosphärisch implodiert, live soll es leben. Sir Rodney verspricht: »Es wird mehr sein als ein 40-Jähriger, der auf und ab läuft und vorgibt, 20 zu sein. Ich erwecke meinen inneren James Brown zum Leben.«

Dieser Text stammt aus der Printausgabe SPEX N° 365, die nach wie vor hier versandkostenfrei bestellt werden kann.

SPEX präsentiert Roots Manuva live
23.02. Berlin – Bi Nuu

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