Roosevelt »Roosevelt« / Review

Es ist wunderbarster Blue-Eyed-Disco-House-Pop.

Hochbegabtenalarm: Marius Lauber hat mit 25 Jahren ein Debüt auf Albumlänge ersonnen, das dem deutschen Dancepop eine neue Benchmark einzieht. Es heißt Roosevelt, das Album wie das Soloprojekt. Und das Rätseln fängt bei der Aussprache an: Ruhs- oder Rose-Velt, wie der amerikanische Präsident der Dreißiger- und Vierzigerjahre? Franklin Delano Roosevelt (FDR) stand für den New Deal, für die Reform der Sozialwerke, um die Wirtschaftskrise zu lindern. Roosevelt nutzte auch das Massenmedium Radio und erklärte in wöchentlichen Ansprachen seine Politik. Vielleicht klingt Roosevelt aber nur schick, besonders auf drei Silben. Größte Frage: Was hat soviel Talent in der Retrohölle verloren?

Man könnte den Rest des Texts mit Name Dropping füllen. Ein paar ungegoogelte Namen seien hier in die Duftschale geworfen: Steely Dan, 10cc, Spandau Ballet, Fiction Factory, Underworld, Still Going, Zoot Woman und immer wieder Caribou. Hochwertiger Retro ist nie ein genauer Rekurs, sondern eine Illusion eines geschichtlichen Raumes, den es so nie gegeben hat. Und das gelingt diesem Album hervorragend. Der warme Klang des Schlagzeuges und manche Engführung von Gitarre und Bass erinnern an Yacht-Rock, aber bei Roosevelt gibt es keine Chöre mit ausgefuchsten Harmonien, Laubers bearbeitete Stimme ist meist allein im Studio. Die Synthies sind leicht verstimmt, als kämen sie von der Afterhour nach Hause, andere haben den Preset-Knopf tief in den Zuckertopf britischen Pops getunkt. Es ist wunderbarster Blue-Eyed-Disco-House-Pop.

Was hat soviel Talent in der Retrohölle verloren?

Aber das Problem der Platte schillert im Rückgriff auf FDR, den Präsidenten: Roosevelt war ein vereinender Politiker, und auch der Musiker Roosevelt hat viele Zielgruppen im Blick und will sie über das Radio erreichen, der Traum called pop. So toll Roosevelt zusammengesetzt ist, das Retroproblem liegt in der Form des Albums begraben. Das alte ABAB-Muster, erweitert durch einen C-Teil, bevor es wieder in den Refrain (B) geht, hat eine so schöne Idee wie »Wait Up« gar nicht nötig. So hat man bis in die 80er Popsongs geschrieben, heute sind Mainstream-Hits kleinteiliger gebaut. Verpeilte Vignetten wie »Daytona«, die direkt zu Hedonismusstrecken wie »Fever« führen, übersteigern den Liedchenzwang gegen Ende, wenn anstelle des C-Teiles eine kleine Groovestrecke beglückt. In »Moving On« oder »Sea« löst Lauber das Problem geschickter, dort laufen Strophe und Refrain über dieselbe Harmonie, der Track schleicht sich durch die Hintertür rein und sagt: Hey, lass uns noch etwas bleiben. Und dann ist Schluss.

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