Romare „Love Songs: Part Two“ / Review

Archie Fairhurst entpuppt sich als veritabler Meister der Entschleunigung. In mancher Midtempo-Passage wird sein Sound fast psychedelisch.

Analog ist manchmal besser. Schon im ersten Liebeskapitel von Romare, einer Blues-infizierten EP namens Love Songs: Part One aus dem Jahr 2013, hat es geknistert. Wenn es etwas gibt, wofür der mittlerweile in London ansässige DJ und Produzent mit bürgerlichem Namen Archie Fairhurst eine Schwäche zu haben scheint, dann ist es warmer Electronica-Sound. Auch auf dem Nachfolger seines 2015 veröffentlichten Debütalbums Projections, das keineswegs einen lieblosen Bruch zwischen den Lovesong-Kapiteln darstellt, kommt wenig aus der Büchse.

Statt auf antistatische Beatpolitur setzt der Multiinstrumentalist auf technisch dreifach überholte Synthesizer, angestaubte Funkbässe und Rekorder-Aufnahmen aus der Familiensammlung – und platziert diese Elemente liebevoll zwischen subtilen Technobeats und Disco-Konturen. Seine Affinität zu analogen Funkarrangements und „echten“ Drums erinnert mitunter an die traditionsbewussten House-Edits von Todd Terje. Doch Love Songs: Part Two fällt noch eine deutliche Spur infantiler aus: „Don’t Stop“ etwa wirkt mit seiner tiefenentspannten Snaredrum wie skelettierter House, „New Love“ experimentiert mit afrikanisch anmutenden Trommeln und rauem Techno.

Wo ist eigentlich dieser Flohmarkt, auf dem Romare seine Keyboards kauft?

Gleichzeitig entpuppt sich Fairhurst als veritabler Meister der Entschleunigung. In mancher Midtempo-Passage wird sein Sound fast psychedelisch: So präsentiert „Honey“ ein kauziges Keyboard, das unentwegt Blockflöten-Tunes ausspuckt. Auch was die kulturelle Praxis des Sampelns anbelangt, setzt Romare auf reine Handarbeit. Gesampelt wird nämlich ausschließlich von Vinyl: Alle Nummern verbindet die Einbettung früher Soul-Samples, deren Stimmfetzen etwas von Berührung, Morgensonne und Herzerwärmung leiern. Nostalgisch wird es aber an keiner Stelle. Die Hommagen dienen als konzeptioneller Unterbau, der das Album insgesamt intimer, dichter und eine Tendenz geheimnisvoller als den Vorgänger erscheinen lässt. Nur „L.U.V.“ dudelt ein wenig ziellos vor sich hin.

Trotz des Detailreichtums wirkt aber keine der zehn Kompositionen überdosiert. Vielmehr besteht der Reiz der Tracks in ihrer performativen Vielseitigkeit: Sie könnten sowohl im Clubkontext als auch Barmilieu funktionieren. Kein Wunder, dass ambivalente Figuren der DJ-Szene wie Bonobo oder Four Tet bereits als Fans von Romare gelten. Das Album ist eine ambitionierte und referenzreiche One-Man-Show geworden, die am Ende gleich mehrere Fragen aufwirft. Ist es überhaupt noch legitim, das als Electronica zu bezeichnen? Und wo ist eigentlich dieser Flohmarkt, auf dem Romare seine Keyboards kauft.

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