Romano »Jenseits von Köpenick« / Review

Hommage an den Berliner Bezirk: außen Plattenbautristesse, innen Gemütlichkeitshölle.

Er hat gut vorgelegt: Die Wenigsten hatten Romano auf dem Schirm, bevor er in diesem Frühjahr mit »Metalkutte« ziemlich fresh um die Ecke kam. Plattenbau-Beat meets Death Metal meets Goldblouson. Hä? Auf den ersten Synapsenschock folgte großes Daumen hoch auf allen Kanälen. Totale virale Affirmation. Plötzlich wollten alle wissen: Wer ist dieser Typ mit Gretelfrisur und Putin-Visage?

Die mediale Rezeption des – in Ermangelung einer treffenderen Genrebezeichnung – nun ja: Rappers, war dabei von einer auffallenden Unschärfe begleitet. Allein seine Haartracht sorgte für ein Feuerwerk freier Assoziationen. Trägt er eine Mädchenfrisur? Indianerzöpfe? Stand Asterix Pate? Oder handelt es sich um krassen Cholo-Gangster-Style? Die Unmöglichkeit, sein Erscheinungsbild auf einen simplen Bedeutungskern zu reduzieren, erinnert an die Arbeit des Künstlers Douglas Gordon, der 1996 mit blonder Perücke für sein »Self-portrait As Kurt Cobain, As Andy Warhol, As Myra Hindley, As Marilyn Monroe« posierte. Romano rangiert souverän zwischen Schießbudenfigur und badass, indem er eine Projektionsfläche für die Zuschreibung unterschiedlichster kultureller Stereotype bietet, die sich fortwährend gegenseitig überlagern und aushebeln.

Nach und nach kommen mehr Details über den Künstler ans Licht, die zunächst weiter verstören (seine Schlagervergangenheit), dann aber langsam Sinn ergeben: Sirisumo (»Itchy / Cornerboy«), Jakob Grunert (Friedrich-Liechtenstein-Checker-Crew), fetter Major-Deal. Romano ist ein Quertreiber mit Businessplan. Die zweite Clipveröffentlichung »Brenn die Bank ab« zelebriert den Zopf bereits als etabliertes Kultsymbol: In der ersten Einstellung fungiert es als Lunte für einen Champagnerflaschen-Molli.

Das Album Jenseits von Köpenick ist als Hommage an den Berliner Bezirk konzipiert: außen Plattenbautristesse, innen Gemütlichkeitshölle. Auf ein Fundament kühler Elektrobeats wird eine dicke Schicht Zuckerguss aus plüschigen Synthiesounds und schlageresken Melodien geklatscht. Inhaltlich bleiben weitere Schocker aus, stattdessen werden diverse Alltagsthemen konsenstauglich verhandelt: Falten sind schön, Botox ist doof (»Heiß heiß Baby«); Rauchen ist ungesund, macht aber Spaß (»Marlboro Man«); Internet-Dating ist Zeitverschwendung (»Romano & Julia«). Eine befriedigende Antwort auf die Frage, wer dieser Typ nun eigentlich ist, bleibt das Album schuldig. Wahrscheinlich: Mann, Musiker, Styler, Köpenicker. Wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

2 KOMMENTARE

  1. Gruß an die Design-Abteilung: „Helvetica Neue“ & font-weight: 200 ist außer auf dem iPad extrem schlecht zu lesen? Könnt ihr da nochmal drüber nachdenken oder noch einen Schuß letter-spacing reinmachen, so 0.05em?
    MfG

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here