Roman Flügel Fatty Folders

Fatty Folders ist Roman Flügels erstes Album unter eigenem Namen. Gewissermaßen libidinös aufgeladen, ebenso historisch wie persönlich, begeistert es mit überbordender Energie und hochschraubender Euphorie. Eine Lehrstunde in Sachen House.

Los geht’s mit Hi-Hat, Snare und einer kleinen, geloopten Pianomelodie, dann setzt die Bassdrum ein. Maximal fünf Takte braucht es, bis das Adjektiv geschmackvoll im Hirn des Hörers abgerufen wird. Der Rhythmus ist House, die Gefühlslage melancholisch, die Sounds sind zurückhaltend und dezent, die Raffinesse unüberhörbar. Man denkt an ein paar der ganz großen Platten von Theo Parrish von vor zehn Jahren, und an ein paar andere Produzenten und Tracks, die das Sperrige und das schön Einfache, das Minimalistische und das Exzessive aus einer Musik herausholen, die zugleich zum Fingerschnippen, Klatschen, Tanzen einlädt.

Es dürfte ja hoffentlich klar sein, dass in diesem Diskurs geschmackvoll das ist, was gar nicht geht. House-Musik als Vehikel zu benutzen, das eigene Wissen auszustellen, wie ein Interieur in der eben erworbenen Eigentumswohnung: Das ist verboten, das macht keinen Spaß, das braucht kein Mensch. Wenn ein Stück wie dieses aber so tut, als sei es geschmackvoll, und nach einer Minute und 18 Sekunden dann eine kleine Synthiemelodie einsetzt, in der die ganze Sehnsucht ungezählter Sommernachmittage am Strand von Rimini, auf dem Markt platz einer Kleinstadt am Rhein, irgendwo in der Provinz der Pubertät aufgehoben ist, dann dämmert’s, dass auf diesem Album womöglich mehr zu hören sein wird als das akustische Ambiente für brave Konsumenten, die Qualität zu schätzen wissen und ihren Geschmack bis in die feinsten Verästelungen von Pop hineinraffiniert haben.

Man hätte es auch ahnen können: How to Spread Lies heißt das erste Stück, Fatty Folders das Album. Aufgenommen hat es ROMAN FLÜGEL – den man unter den Pseudonymen und aus den Zusammenhängen Eight Miles High, Soylent Green, Sensorama und Alter Ego kennt – fast ausschließlich in diesem und im letzten Jahr in seinem Frankfurter Studio. Fatty Folders ist ein treffender Name für das, was Flügel hier zusammengebaut hat für sein erstes Album unter eigenem Namen.

Speckige Ordner sind nicht geschmackvoll. Sie sind voller Reminiszenzen an die Vergangenheit, mit eigenen Erinnerungen verbunden und libidinös aufgeladen. Das aber sind Dinge, zu denen man sich nicht geschmäcklerisch distanziert, sondern bestenfalls selbstironisch verhalten kann. Lachende Gesichter, Zungen, die sachte Kontakt aufnehmen. Blut, das in Genitalien schießt, leichte Beulen in Hosen verursacht. Das textile Cover der Künstlerin Josephine Pryde trifft den Kontext in dieser Hinsicht ganz gut. So hört man Fatty Folders als ein Album, das von historischen und persönlichen Momenten handelt, die sich in Sounds eingeschrieben haben. Von Emotionen, die sich aufrufen lassen, von praller Geschichte, von den Traditionen von Chicago House, Italo Disco, Acid, New York Garage, Techno und so weiter. Darunter ist auch ein Track, der an Kraftwerk und andere Krautelektroniker Mitte der siebziger Jahre erinnert. Letzteres ist eine nicht unwesentliche Referenz, weil es in Hamburg, Frankfurt, Köln, Berlin und anderswo seit den Neunzigern je eigene Traditionen von House gibt. Diese folgen den Konjunkturen und sind mal stärker präsent, dann wieder unsichtbar, weil sich ein paar Jahre lang niemand für House interessiert.

Aber auch wenn es gerade niemand bemerkt, bilden die Amateure von House eine so abgeschlossene wie tendenziell für alle Freaks, Dandys, Dropouts, Ausgeschlossenen offene Gesellschaft, die durch alle Zeiten fortbesteht. House ist immer da. Sein ausgefranstes, ständig in Bewegung befindliches und unkartografierbares Territorium überschneidet sich mit den queeren Zonen der Städte. Es hat aber auch seit eh und je offene Flanken zum Teenage-Mainstream, wo neue LiebhaberInnen rekrutiert werden. Angefixt von den Beats, von der Eleganz, von den satten Sounds, verführt von den Bewegungen der fremden Körper, vom Überschießen der Energien. Disco und House versprechen, dass es möglich ist, wenigstens für einen Moment jemand anderes, ein freier Mensch zu sein.

Das alles erzählt Fatty Folders in elf Akten, in immer neuen Variationen, mit immer neuen alten Sounds, mit den denkbar einfachsten Mitteln, ohne viel Wind zu machen. House und Disco sind tendenziell konservative Veranstaltungen, wie jedes kulturelle System, das einem magischen Funktionalismus folgt. Das Label Dial hat ganz Recht, wenn es für dieses Album »eclecticism, modernism and dandyism« reklamiert. Roman Flügel lässt uns die Welt mit den heiteren Augen desjenigen anschauen, der sich an den Moment erinnert, in dem alles gut und richtig gewesen sein wird. So begeistert sich Fatty Folders mit immer wieder erneuerter, überbordender Energie und hochschraubender Euphorie daran, was House war, ist und sein kann. Man freut sich, man lehnt sich zurück, man springt auf, man swingt vor sich hin, man wünscht sich auf den Dancefloor. Es fehlen bloß die Vocals.

 Roman Flügel Fatty Folders ist bei Dial / Kompakt erschienen. Heute setzt Flügel seine aktuelle Tournee in Deutschland fort; alle Termine unten.

*

ROMAN FLÜGEL live:
16.09. Offenbach – Robert Johnson
17.09. Stuttgart  – Romy S.
08.10. Hamburg – Uebel & Gefährlich
22.10. Offenbach – Robert Johnson
28.10. Köln – Studio 672
30.10. Leipzig – Conne Island

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.