Rodion G.A. Behind The Curtain – The Lost Album

Mehr als Aufnahmen für die Schublade: Auf Behind The Curtain – The Lost Album der rumänischen Band Rodion G.A. beanspruchen analoge Geräte die Freiheit, die den Musikern nicht vergönnt war

Wie wenig hierzulande über osteuropäische Musik im Allgemeinen und das Schaffen aus der Zeit des Kalten Kriegs im Besonderen bekannt ist, merkt man spätestens dann, wenn die Werke eines dieser Künstler ohne Vorwarnung wiederveröffentlicht werden. The Lost Tapes des rumänischen Musikers Rodion Ladislau Roșca und seiner Band Rodion G.A. waren im vergangenen Jahr so ein Fall. Auf einmal gab es da eine elektronische Musik, bei der man schnell mit Schlagwörtern wie Krautrock und Psychedelic zur Hand war, die zugleich aber einen ganz eigenen, anderen Blick auf die Geschichte der experimentellen Musik ermöglichte – als ein Beitrag von »hinter dem Vorhang«.

Behind The Curtain ist denn auch der programmatische Titel von Rodion G.A.s Lost Album, mit dem das Bild dieser Band abgerundet wird, die zur Zeit des Ceaușescu-Regimes unter erschwerten Bedingungen arbeitete. Die verspätete Rezeption erklärt sich nicht bloß durch die abgeriegelte Situation des Ostblocks, sondern vor allem dadurch, dass Rodion G.A. in Rumänien kaum veröffentlichen konnten. Die musikalische Aktivität beschränkte sich auf kleinere Auftritte und Aufnahmen für die Schublade.

So auch die im Mehrspurverfahren entstandenen Stücke von Behind The Curtain, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen wie The Lost Tapes, stilistisch allerdings geschlossener geraten sind. Das Rock-Instrumentarium wurde in den meisten Nummern verabschiedet, stattdessen hat die Elektronik das Sagen, ohne vollständig auf die Ästhetik von Progrock oder Psychedelic zu verzichten. Rodion G.A.s Umgang mit Synthesizern ist ausgeprägt melodisch, wie sehr schön in »Charm 1« und »Charm 2« zu hören ist. Die helle Oberstimme mit ihrem leicht flötenartigen Klang hat einen eher folkloristischen als futuristischen Charakter, wird dafür jedoch so oft wiederholt, dass das Stück eine eigenwillige Form von Minimalismus entwickelt.

Bei Rodion G.A. verbreiten die analogen Geräte zudem genau die Art von Wärme, die gern von Verächtern des Digitalen beschworen wird, und sie brechen immer wieder aus ihren scheinbar vorgegebenen Bahnen aus, beanspruchen für sich die Freiheit, die die Musiker im Alltag vermissen mussten. Wenn dann doch mal konventioneller gerockt wird, ist das fast ein kleiner Schock. Andererseits drückt sich darin wieder eine gewisse Souveränität aus: Die Opposition zwischen männlich konnotiertem, handgemachtem Rock und maschinell-androgynem Elektropop spielt hier irgendwie keine Rolle. Sie wurde einfach aufgelöst.

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