To Rococo Rot Instrument

Ein Lied kann eine Revolution sein. Bei To Rococo Rot naturgemäß eine stille und friedliche, so wie der Großteil des epochalen Katalogs von Stefan Schneider, Robert und Ronald Lippok still und friedlich wirkt. Aber wenn nach fast 20 Jahren und acht Alben bei der wichtigsten deutschen Schnittstelle zwischen Postrock und Electronica zum ersten Mal gesungen wird, dann ist das doch ein bemerkenswerter Bruch. Kein Geringerer als No-Wave-Gitarrero und Universalkünstler Arto Lindsay eröffnet Instrument, die erste Platte von To Rococo Rot seit fünf Jahren, mit seiner freundlich naseweisen Stimme, und schon ist das Comeback, falls man es so nennen will, perfekt: Synthetische Bass-Grooves zwirbeln sich auf »Many Descriptions« um die Stimme des Gastsängers, zuckende Hi-Hats schieben sie durch die Strophen, und dann ist dieser samtene Hit schon viel zu schnell vorbei. Repeat, den ganzen Tag. »Telema« und andere alte Meisterwerke in allen Ehren, doch hier herrscht die grandiose Macht des Popsongs.

Die Entscheidung für Vocals ist der offensichtliche Knackpunkt des Albums, selbst wenn sie sonst nur noch im wundervollen Wiegenlied »Classify« sowie im letzten Stück auftauchen. Lindsays Engelszunge stellt den Kontrast zwischen den Tracks viel höher ein, als es je zuvor auf einer TRR-Platte möglich war, und lässt das instrumentale Gros allein durch diese wenigen Akzente viel abwechslungsreicher klingen. Ein klarer Fall von gelungener Dramaturgie. Der Flow der Gegensätze funktioniert: Auf »Many Descriptions« folgt »Besides« und könnte als dessen uneigentliche Dub-Version durchgehen, »Down In The Traffic« kommt krautig daher, und wenn Lindsay auf »Sunrise« mit klassischem No-Wave-Gestus seine Saiten wetzt und die Geräte fiepen, ist das schon der widerspenstigste Moment der Platte. Würde er auch auf »Baritone« singen, wäre sogar ein Pavement-Vergleich fällig. Schade drum eigentlich.

Die Krux der Gesangsrevolution ist, dass sich die einen womöglich fragen, warum dieser Schmusefaktor überhaupt notwendig ist, während die anderen nach Nachschlag gieren. Schade finden könnte man auch, dass To Rococo Rot insgesamt eher unter ihrem Komplexitätsniveau bleiben, zwar verspielt und mit Sicherheit minutiös arrangiert und produziert, aber nicht verfrickelt, wenig Jazz, wenig digitale Kanten. Mehr sogenannten »experimentellen« Charakter hätte man erwartet, Adel verpflichtet ja. Aber wozu? Und welche Art von Experiment ist eigentlich anspruchsvoller? Dass Instrument keine Konfrontation sucht, nichts erzwingen will und so zurückgelehnt doch ein neues musikalisches Level erreicht, ist absolut fantastisch.

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