Robyn

Ihre Kollegen hießen Backstreet Boys und Ace of Base, mit »Show Me Love« war sie in den Top 10 der Billboard-Charts. Nur brachte ihr der Erfolg mehr Ärger als Freude. Mit ihrem vierten Album hat sich Robin Miriam Carlsson nun zum ersten Mal musikalisch gefunden – mit Unterstützung von The Knife.

RobynAmy Winehouse wirft einen Knochen des Hähnchenschenkels, der vor ihr auf dem Teller liegt, über die Brüstung nach unten auf die Straße. Robyn würdigt sie keines Blickes. Wir sitzen auf der Terrasse im ersten Stock des The Hawley Arms, eines sehr angesagten Pubs in Camden. Robin Miriam Carlsson ist eine Veteranin des Popmusikgeschäfts. Ihr erstes Album veröffentlichte sie mit 16 Jahren in ihrer Heimat im Jahre 1995 – und verkaufte in Amerika damit zwei Jahre später Platin. Die Single »Show Me Love« erreichte die Billboard Top 10 und wurde vom Kinoregisseur Lukas Moodysson in »Raus aus Åmål« eingesetzt. Ihre musikalischen Weggefährten: Max Martin und Denniz Pop, die für Backstreet Boys, *NSYNC und Britney Spears sowie für einheimische Künstler wie Dr. Alban und Ace of Base schrieben und produzierten. Das zweite Album gefiel den amerikanischen Vermarktern nicht, und Robyn sollte zum ersten Mal erleben, wie schwierig das Arbeiten mit großen Plattenfirmen sein kann: Das Werk wurde von BMG als für den amerikanischen Markt nicht geeignet empfunden, sollte überarbeitet werden und erschien letztlich nur in Skandinavien. Mit ihrem dritten Album, das in Schweden immerhin Platz zwei der Charts erreichte, wurde ihr trotz eines Labelwechsels erneut eine Veröffentlichung in dem von Christina Aguilera dominierten US-amerikanischen Markt verwehrt. »Das war der Anfang vom Ende. Ich konnte nicht verstehen, warum man mir in meine Kompositionen reinreden wollte. Das Schreiben war damals für mich das Einzige, was mir überhaupt Spaß brachte«, schüttelt Robyn den Kopf. Vor drei Jahren gründete sie Konichiwa Records, ihr eigenes Label, das mittlerweile sein Hauptquartier unter den Fittichen von The Knifes Managementfirma Deutsch-Englische-Freundschaft in London hat.

    »Die zehn Jahre, in denen ich meine Musik auf einem Majorlabel veröffentlichte, waren sehr lehrreich. Ich habe gesehen, wie man sich in dieser Industrie verhalten und welche Kontakte man haben muss. Diese Kontakte konnte ich später nutzen, und heute arbeite ich mit guten Leuten zusammen, die aus denselben Gründen wie ich große Plattenfirmen verlassen haben. Das ist der Weg, den viele andere Künstler bereits eingeschlagen haben und noch in viel größerem Maße einschlagen werden! Als Künstler möchte ich absolute Kontrolle über das haben, was mit meiner Musik geschieht, und nicht das Album abliefern und aus der Ferne zusehen, wie es unter die Leute gebracht wird. Das erfordert Disziplin, ich muss mir meine Zeit gut einteilen, denn ich könnte auch gut nur den ganzen Tag im Büro E-Mails beantworten.« The Knife waren mit ihrem Album »Deep Cuts« eine künstlerische Offenbarung für Robyn, sie traf die Dreijer-Geschwister, nachdem diese ihr eine Zusammenarbeit angeboten hatten: »Obwohl die Musik, die ich vorher gemacht hatte, sehr anders klang als dieser futuristische Experimental-Pop von The Knife, war mir sofort klar, dass eine Kollaboration eine gute Entscheidung sein würde – ihre Art zu arbeiten, diese Freude am Experimentieren und eben auch das unabhängige Agieren mit einem eigenen Label, erinnerte mich an die Art, wie meine Eltern ihre Off-Theater-Kompanie betrieben.«

Und so schrieb Robyn mit den Dreijers »Who’s that Girl«, einen der stärksten Songs ihres selbstbetitelten vierten Albums, das in Schweden bereits vor zwei Jahren erschien, ihr dort zum ersten Mal die Spitzenposition in der Hitparade sicherte und nun auch in Deutschland veröffentlicht wird. »Who’s that Girl« behandelt einerseits Robyns Erfahrungen mit der Musikindustrie – »Majors haben keinen Mut, Musik zu veröffentlichen, die ihren eigenen Kopf hat, die integer und gleichzeitig erfolgreich ist« – und andererseits »ganz allgemein: wie du dich als Frau vermeintlich zu verhalten hast«. Robyns neuer musikalischer Partner ist Klas Åhlund, für dessen Bandprojekt Teddybears in den letzten Jahren unter anderem Annie und Neneh Cherry sangen. Die an Superpitchers große Zeiten (»Heroin«) erinnernde hymnische Übersingle »With Every Heartbeat« schrieb sie mit Anders Kleerup. Auf »Robyn« hat man den Eindruck, dass sich die Musikerin zum ersten Mal in ihrer Karriere gefunden hat. Zeitgemäßer, forscher und bestimmter, überwiegend fröhlicher Synthie-Pop, der von vielen kleinen musikalischen Geistesblitzen, überraschenden Breaks und ungewöhnlichen Sounds durchzogen ist, konterkariert auf der Textebene mit traurigen Abhandlungen über gescheiterte Beziehungen, Betrug und Misstrauen. »Diesen Gegensatz schaffe ich absichtlich. Popmusik verhandelt das Jetzt, ich kann mit ihr alle möglichen Themen behandeln. Ich bin niemals nur stark oder nur schwach, ich singe darüber, dass ich die Beste bin, und im Anschluss singe ich über mein verletztes Inneres. Ultravox’ Zeile ›Dancing With Tears In My Eyes‹ beschreibt am besten, was für mich gute Popmusik ausmacht.«

    Einige Stunden später im Dingwalls-Club: Zwei Drummer und ein Keyboarder sitzen auf der kleinen Bühne, Robyn spielt zum wiederholten Mal in London. Dass man sie hier kennt, wird deutlich, als der Großteil der rund vierhundert Zuschauer von der ersten Zeile an für die nächste Stunde fast konstant mitsingt. Selten hat man Synthie-Pop live so überzeugend vorgetragen gesehen: Robyn markiert mit fulminanten Gesten die aggressive, starke Göre und treibt das Publikum an. Ihre Stimme sitzt, die Drummer verstärken die Beats, die, wie die meisten Streicherflächen und Effekte, vom Computer kommen. »Meine Konzerte müssen knallen. Wie eine Nacht im Club sollen sie funktionieren. Ich halte nichts davon, alles live spielen zu wollen, um dann mit neun Musikern auf der Bühne zu enden«, sagt sie nach dem Konzert und entschwindet verschwitzt und zufrieden in die Nacht.

Robyn – »Robyn« (Konichiwa Records / Ministry of Sound)
Am 07., 08. und 09. Oktober gibt Robyn drei Konzerte in Deutschland. Die genauen Termine hier.

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