Robin Guthrie

Robin Guthrie sorgte zu Beginn der achtziger Jahre mit den gurgelnden Glissandi und spleißigen Stakkatos seiner Gitarre für das instrumentale Gerüst des wavigen schottischen Duos Cocteau Twins, das mit den Jahren und Alben peu à peu sphärischer und außerweltlicher wurde. Schließlich begründete er mit Liz Fraser und einer Menge Effektgeräten die Gattung Dreampop. Viele Shoegaze-Bands, die später an meterhohen Walls Of Sound mauerten, bauten auf Fundamenten, die Guthrie legte.

    Der Soundtrack zum spanischen Filmdebüt Dany Saadias verdeutlicht die Verwandtschaftsverhältnisse, die zwischen Dreampop, Shoegaze und Ambient bestehen. Die ersten beiden Drittel der hier gesammelten musikalischen Untermalungen dieser filmischen Mixtur aus Liebeskomödie und Melodram müssen dem Ambient-Genre zugerechnet werden, während das letzte, am deutlichsten den Cocteau-Twins-Stil der neunziger Jahre evozierende zeigt, wie zwanglos die drei Gattungen ineinander übergehen können. Zunächst erinnert der Score an den Genrealtmeister Brian Eno und die ätherischen Klavierarbeiten Harold Budds, und zwar ohne den sich bei Letzterem manchmal einstellenden klebrig-esoterischen Entspannungsmusikbeigeschmack. Alles ist angenehm verwaschen, dekonturiert, verhallt. Sind das Stimmen, die wie von weit entfernten Fluren kommend klingen? Ist das eine Gitarre, die da so glattgespült und verwabert aus der Verfremdungswaschstraße kommt, dass man sie kaum noch als solche erkennt? Das Klavier, dessen Klängen viel Verhallenszeit zugestanden wird, und die menschenentrückte Grundstimmung einer melancholischen, aber immer noch splendiden Isolation erinnern auch an die Kollaboration zwischen John Foxx und Harold Budd für die beiden zusammen veröffentlichten Alben »Translucence« und »Drift Music« aus dem Jahr 2003. Eine Orgel und ferne Chorfetzen bemalen das Klangbild ab und an mit zusätzlichen sakralisierenden Soundfarben.

    Was Guthrie auf diesem Album dann doch von jemandem wie Brian Eno trennt, ist sein Geist für Romantik, der manchmal mit ihm durchgeht und die herrliche Subjektlosigkeit der Musik durchkreuzt. Das Tolle an gutem Ambient ist ja die künstlerische Ausdrucksaskese, das Fehlen eines Subjekts, das einem mit seinen Ansichten, Gefühlen und Weltbildern zu nahe kommt. Solche Expressionszurückhaltung konterkariert Guthrie mit gefühlsmalerischen Crescendi, die hier unter anderem mit Hilfe von Streichern ins Werk gesetzt werden. Das klingt dann zwar immer noch toll, aber auch ein wenig zu bittersüß. Vor allem erzählt es eine Geschichte und etabliert einen narrativen Spannungsbogen, was freilich den Einschränkungen geschuldet sein mag, die das Schreiben von Musik für Filmszenen so mit sich bringt. Das nach der Hälfte einiger Stücke einsetzende Schlagzeug, das zusammen mit lauter werdenden Gitarren für zusätzliche gravitätische Dynamiken sorgen soll, kann dabei oft nicht einlösen, wonach es doch hörbar greift.

    Dennoch ist dieses etwas kurz geratene Album in seinen schönsten Momenten ein patenter sonischer Kontemplationshelfer und Reflexionsbefeuerer. In solchen Augenblicken webt es einen weltundurchlässigen Kokon und schafft eine Versunkenheit, wie sie sich manchmal auch bei der Beobachtung fallenden Schnees einstellt.

LABEL: Rocket Girl

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 28.11.2008

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