Robert Görl „The Paris Tapes“ / Review

Musikalisches Dokument der depressiven späten Achtzigerjahre, in dem eine hellere Zukunft aufscheint: Von Technobeats ist auf den Paris Tapes noch nichts zu hören, aber der Minimalismus der neuen Musik wird vorweg genommen.

Das Archiv der gedruckten Wörter, aufgenommenen Sounds und fotografierten Bilder ist ein unendlicher Raum. Ständig wird er größer. Niemand wird je alles lesen, hören oder sehen können. Vielleicht ist das Archiv für Popmusik deshalb zum verheißungsvollen Ort geworden. Das Alte scheint mindestens so viel zu versprechen wie das Neue. Seine Patina speist sich aus Emotionen, Schweiß, den Sehnsüchten vergangener Ichs und vorhergegangener Generationen. Einen Spezialfall stellen wiederentdeckte Aufnahmen dar, die nie ordentlich veröffentlicht wurden. Die außer vom Urheber und ein paar Freunden nie gehört und dann in irgendeinem Karton vergessen wurden. In einem Koffer in der Scheune seines Bruders lagerte jahrzehntelang eine Kassette mit Songs, die Robert Görl Ende der Achtzigerjahre im Pariser Vorort Levallois aufgenommen hat.

Görl tanzte auf der Love Parade und wurde DJ.

Görl befand sich zu jener Zeit im Exil. Nach dem zweiten Split von DAF im Jahr 1986 war er nach New York gegangen, um Schauspiel zu studieren, wurde aber des Landes verwiesen, weil er sich nur mit einem Touristenvisum in den USA aufhielt, das ihm den Beginn einer Ausbildung verbot. Auch in Deutschland wurde er jedoch gesucht: Wenn er sich nicht demnächst bei der Bundeswehr melde, würden ihn die Feldjäger abholen, sagte man ihm bei der Rückkehr am Flughafen. Görl setzte sich in den Zug nach Paris, dort wollte er die Sache aussitzen. Dort kannte er aber auch niemanden und verbrachte folglich viel Zeit mit einem ESQ-1-Synthesizer und -Sequencer. Die Musik, die dabei entstand, hat noch leise Anklänge an den Sound von DAF. Deren Einflüsse im europäischen Synth-Pop und Dark Wave kann man darin hören, aber auch amerikanische Elektronik. Vieles klingt, als sei es für die Disco geschrieben worden. Treibende Beats erinnern daran, wie Görl bei DAF trommelte.

Nachdem er Paris wieder verlassen hatte, nahm Görl Kontakt mit Daniel Miller von Mute Records auf, der ihn an den Produzenten Dee Long weitervermittelte. Gemeinsam arbeiteten sie in England an neuen Arrangements für die Pariser Entwürfe. In George Martins Air Studios sollte ein Album entstehen. Bevor es dazu kam, geriet Görl jedoch in einen schweren Autounfall. Nach langer Reha geht er für dreieinhalb Jahre in ein buddhistisches Kloster nach Thailand. Als er nach Deutschland zurückkehrte, herrschte dort Techno. 1992 tanzte Görl auf der Love Parade und wurde DJ. Von Technobeats ist auf den Paris Tapes noch nichts zu hören, aber der Minimalismus der neuen Musik wird bereits vorweg genommen. So sind die Paris Tapes auch ein musikalisches Dokument der krisenhaften, depressiven späten Achtzigerjahre, in dem eine hellere Zukunft schon aufscheint.

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