Rhythm King & Her Friends

Dieser Tonträger, schon länger erschienen und erst jetzt, ohne angemessenen »Platte des Monats«-Titel, in SPEX besprochen, ist – das ist eine seiner Stärken – für mehr als eine Diskussion gut. Ein Beispiel dafür wurde erst vor kurzem auch auf der SPEX-Webpage zwischen Lesern und Autoren anhand dieses Albums diskutiert. Wie »gegendered« ist instrumentale, elektronische Tanzmusik – und inwieweit verschleiert ihr entsubjektivierendes Potenzial gar nicht so unbekannte Geschlechterverhältnisse? Die Disco ist eben nicht nur der Ort, in denen Queers oder Schwarze soziale Räume fanden, die ihnen an anderen Stellen verwehrt wurden, sondern bleibt bis heute auch eine Bühne, die zu 90 Prozent von männlichen DJs, Musikern und Promotern dominiert wird. Als würde es sich etwa nicht lohnen, die Sprache dagegen zu erheben.

    Ein Statement ist schon der Name der Berliner Girlcrew: Der Rhythm King als Figur für monopolisierende Definitionsmachtpatriarchen taucht hier gleich frisch gequeert als »sie« mit einer Gruppe FreundInnen und großen Begriffen wie »kollektivistisch«, »feministisch« und »queer« im Gepäck auf. Was hier aber kein plakatives Parolen-Bouncing, sondern reflektierte Praxis von Linda Wölfel, Pauline Boudry und Sara John heißt. So werden bewusst etwa der Heteronorm abweichende Konzert-Kontexte gesucht oder das Instrumentarium zwischen Casio, Korg und Live-Bass zwischen den Teilnehmerinnen getauscht, um einer Hierarchie entgegen zu arbeiten. Lyrics in Englisch, Französisch und Bulgarisch überlagern sich dazu und finden Bezüge in einem Netz zwischen Le Tigre (mit denen sie tourten), den Slits oder Robots In Disguise. Dabei strahlt ihr Sound zugleich Kühle und Wärme, Entspannung und Protest aus und kickt kritisch Kontexte: Sex und Gender, Arbeit und Ausbeutung, Sexismus und Kapitalismus als Teile von zentralen Zusammenhängen, in dem Bands wie RK&HF immer noch viel seltener sind, als gemeinhin getan wird. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann das letzte Mal solch subtile Grooves diesen ganzen Schlamasselkomplex für einen derart geschlossenen Entwurf tanzbar machten.

LABEL: Kitty-Yo

VERTRIEB: RTD

VÖ: 02.08.2004

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