Zoot Woman Star Climbing

Zoot Woman haben für Star Climbing eine Überdosis New Romanticism gespritzt, die mit einer Extra-Portion Disko medikamentiert wird. Besonders zu empfehlen für Investment-Broker mit Fiberglass-Yacht.

2001. Odyssee im Weltraum. 9/11. Und Living In A Magazine. Auf die Plätze, Generation Golf, das sollte doch für ein paar weitere retro-signifizierende Büchlein reichen! Stuart Price, Architekt des letztgenannten Puzzleteils, des Zoot-Woman-Debütalbums, war damals frische 23 Jahre jung und, wie es sich für seine Leistungsgeneration gehört, schon ein Fuchs. Seinem ersten Plattenvertrag mit Wall Of Sound mussten wegen Minderjährigkeit noch die Eltern zustimmen – eine Investition, die sich durch nachfolgende Großaufträge von Madonna und Seal ausgezahlt haben dürfte.

Warum wir hier, die wir angetreten sind, die Spreu vom Weizen zu trennen, das trotzdem relevant finden? Wegen damals natürlich, Les Rythmes Digitales, Stuarts knackigem Ego-Shooter-Projekt als Fake-Franzose Jacques Lu Cont und wegen »Living In A Magazine«, dieser einzigartigen Fashion-Victim-Hymne. Den Pet Shop Boys und Daft Punk haben wir schließlich auch mehr als eine Platte abgekauft. In Erinnerung an diese erste Punktlandung feiert Jetset-Elektropop-Entrepreneur Price alle paar Jahre mit seinen Tennis-Club-Buddies Johnny und Adam Blake Nostalgietreffen, man schmeißt sich in Polohemd und Spencer und geht mit einer Überdosis New Romanticism in irgendein gut klimatisiertes Studio. Konsequent absurd und niedlich, könnte man meinen – wenn man den neoliberalen Geschmack von der Zunge kriegt.

Star Climbing! Hier gleiten zeitgemäß gefühlige Investment-Broker mit ihrer Teak-furnierten Fiberglass-Yacht dem Sonnenuntergang entgegen, leicht melancholisch, weil an genau der Stelle vor wenigen Stunden erst ein Flüchtlingsboot gesunken war, was sie irgendwie fühlen oder, wie Adam Blake sich zur ersten Single »Don’t Tear Yourself Apart« zitieren lässt: »Das Lied ist den Zeiten gewidmet, in denen man sich ganz verloren fühlt, aber jemand einem Mut macht, dass alles wieder gut wird.«

Ein ganz normaler »Hurts like brand new shoes«-Zustand also, den man in altbewährter Tradition mit einer »Extra-Portion Disco« medikamentiert: extrapolierte Flächen, weiche Belanglosigkeiten und pumpende 4/4-Kadenzen. Nichts gegen eskapistische Nostalgie oder die Imagination problemreduzierter Utopiewelten – nur dass diese Soft-Pop-Version von Madonnas Hard-Candy-Welt so ziemlich das Gegenteil von »Leben« ist. Wie man das also mehr als ein paar Songs lang, geschweige denn 13 Jahre, geschweige denn hier und heute noch durchziehen kann, ist mir ebenso ein Rätsel wie die Tatsache, sich ästhetisch so nahe an Daft Punk entlang zu manövrieren, ohne diesem System irgendetwas Frisches, Neues, Anderes hinzuzufügen. Gut gemacht, nicht gelacht, gute Nacht.

2 KOMMENTARE

  1. Man kann es aber auch übertreiben. Ich bin kein Fan von Zoot Woman und die Platte ist sicher keine Offenbarung, aber diese abgedroschenen „Neoliberal !“ Rufe müssen wirklich nicht sein, Fiberglass-Yacht und Flüchtlingsboot, also bitte. So etwas sollte man nur schreiben wenn es auch nur auf entfernteste Weise passt. Mit Daft Punk´s Ästhetik hat die Platte übrigens auch rein gar nichts zu tun, weder auf positive noch auf negative Art. Es scheint vielmehr so als ob der Schreiber die Platte hier als wahlloses Mittel zum Abreagieren verwendet hat.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.