Review: Yeasayer All Hour Cymbals

Im urbanen Nordosten der USA, und ganz besonders in den kulturellen Knotenpunkten Brooklyn und Baltimore, taten sich in den letzten Jahren einige Musiker hervor, die eine interessante Gemeinsamkeit haben: Sie alle beleben in ihrem Schaffen alte, keinesfalls nur auf den amerikanischen Raum beschränkte Musiktraditionen und verbinden diese mit einer stilistisch weit gedehnten, ultramodernen Pop-Expression. Bands und Solokünstler wie Grizzly Bear, Animal Collective, Panda Bear, Celebration oder TV On The Radio, um nur einige zu nennen, bringen so unterschiedliche Stile wie Gospel, Folk und Sixties-Pop mit Sampling, Electronica-Elementen und krautig-psychedelischen Rock-Spielarten zusammen und erschaffen dadurch einen weirden, anachronistischen Psych-Sound, der sich durch eine faszinierende musikalische Gleichzeitigkeit auszeichnet.

Chris Keating, Ira Wolf Tuton, Anand Wilder und Luke Fasano – ebenfalls in Brooklyn zuhause und allesamt multiinstrumental begabt – arbeiten unter dem Namen Yeasayer auf dieselbe Weise. Ihr außergewöhnliches Debütalbum »All Hour Cymbals«, für das ihr amerikanischer Imprint Monitor Records eigens das Sublabel We Are Free gründete, ist Geschichtsforschung und Prophezeiung zugleich. Ihre Stimmen wecken Erinnerungen an osteuropäische Folklore und an Sting zu Zeiten von The Police. Auch die mittlerweile im zeitgenössischen Independent-Segment als Referenz inflationär herangezogenen Beach Boys, deren hallbelegte Falsett-Chöre wie ein Link zur Psychedelik der siebziger Jahre funktionieren, klingen in den mehrstimmigen Gesängen Yeasayers mit. Das alles stellt aber nur ein Bruchstück in ihrem uferlosen Soundmosaik dar. Vom Akkordeon bis zum titelgebenden Zymbal – Yeasayer nutzen die unterschiedlichsten Klangkörper und hangeln sich damit an einem 47 Minuten langen Strang aus zündenden Ideen entlang. In elf opulenten, lupenrein arrangierten Kompositionen verpuzzlen sie tribalistische Rhythmen, noisige Art-Rock-Gitarren und schattige Electronica mit einer ganzen Batterie an Effekten, Saiten-, Blas-, Tasten- und Schlaginstrumenten. So entsteht ein visionär verdrehter World-Pop, der kontinentenübergreifende Geschichten aus vielen Jahrzehnten erzählt. Aus dieser klanglichen Omnipräsenz filtern sie spielerisch und nahezu unbemerkt wundersam subtile Melodien heraus, die sich unweigerlich ins Unterbewusstsein graben. Yeasayers Musik ist international verständlich. Sie sind immer und überall, oder, anders gesagt, völlig zeit- und ortlos.

LABEL: We Are Free

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 16.11.2007

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