Review & Stream: Xiu Xiu Angel Guts: Red Classroom

Xiu Xiu Angel Guts: Red Classroom
XIU XIU

ANGEL GUTS: RED CLASSROOM
BELLA UNION / PIAS / COOPERATIVE
ALBUM – 31.01.2014 

Gut gejault, Jamie! Xiu Xiu intensivieren mit Angel Guts: Red Classroom das typische Xiu-Xiu-Erlebnis nochmals. Die Rezension zum am Freitag erscheinenden Album, das es gibt es nun im Stream zu hören gibt:

Man mag von Jamie Stewarts gekünstelt zerquetschtem Goth-Gejaule halten, was man will. Er jault schon seit knapp anderthalb Jahrzehnten als Xiu Xiu derart furchtlos und konsequent durch, dass er Bewunderung verdient. Zumal es zu dem Gejaule ja auch immer recht unterhaltsame und zweifelsohne äußerst düster und tragisch intendierte Post-Industrial-Klangwelten gab und einmal, anlässlich des ganz besonders jauligen Liedes »Dear God I Hate Myself«, sogar ein wunderschönes Erbrechen-Video

Auf dem neuesten Xiu-Xiu-Album konzentriert sich Stewart über weite Strecken auf eine zurückhaltendere Jaul-Art: Oft wird verfremdet gejault oder auch eher gehaucht. Der Stimmvortrag verliert deswegen aber nicht etwa an Dringlichkeit, eher im Gegenteil. Im Stück »Lawrence Liquors« etwa manipuliert Stewart sein gepresstes Flüstern mittels Telefonhörerklang und einer mysteriös blubbernden Gesangszerstückelungsmaschine, bevor er in einen Refrain aus kürzeren, schlammig verzerrten Hochton-Jaulern und antwortendem Gewinsel übergeht. 

Noch eindrucksvoller funktioniert das Hauchen/Jaulen im Stück »Black Dick«, dessen pornografische Couplets sich sehr schön in sorgsam arrangierte Hüftenschwung-Beats samt Synthesizerkreischen einfügen. Das Stück erinnert an den Film, nach dem das Album benannt ist; es handelt sich hierbei um einen japanischen Erotik-Noir-Film voll transgressiven Inhalts, der laut Pressetext nichts für schwache Nerven ist. 

Ebenfalls nichts für schwache Nerven ist der Teil von Los Angeles, in den Jamie Stewart nach vier Jahren in North Carolina zog, bevor er mit der Arbeit am Album begann. Er gibt an, vor seinem Umzug nichts von der Gefährlichkeit seiner neuen Wohngegend gewusst zu haben. Bald stellte sich heraus, dass die Straßen nachts alles andere als sicher sind und dass in einem nahegelegenen See regelmäßig nach Leichen getaucht wird. Dieses Umfeld wurde nun zum Inhalt des Albums, und das hört man dem Album auch an. Nicht, dass frühere Xiu-Xiu-Werke Übungen in Entspanntheit und positivem Denken gewesen wären, aber auf Angel Guts: Red Classroom vertont Stewart Angstzustände, Verlorensein und Gewalt besonders gekonnt – was nicht zuletzt dem Instrumentarium geschuldet ist, das diesmal nur aus Analogsynthesizern, Drum-Computern aus den 70er-Jahren und Schlagzeug besteht. Statt auf ein größeres Spektrum an Geräuscherzeugern zuzugreifen, konzentriert sich Stewart darauf, möglichst viel aus den Synthesizern herauszuholen – und dabei sehr viele Verzerrereffekte zu benutzen. 

Das Ergebnis sind simple Basslinien, warm aggressives Pulsieren und ein Kaleidoskop an fiesem Fiepen, in das Stewart sein paranoides Jaulen mit viel Gespür fürs Detail einfügt: So manche Phrase wird durch ein gut platziertes Schauder-»Uh« oder -»Ah« ergänzt und so mit einem Hauch finsterer Ironie versehen. Aber nur vorübergehend. Man jault ja schließlich nicht zum Spaß 14 Jahre lang.

Pitchfork Advance streamt Angel Guts: Red Classroom derzeit komplett. SPEX.de bietet zudem einen Stream des ebenfalls am Freitag erscheinenden Albums Dead der Young Fathers.

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