Review: Wire Object 47

Mit dem 47. Release innerhalb der Wire-Diskografie und dem elften Studioalbum liegt endlich wieder ein Klassikerlebenszeichen vor, das sich nicht dem Wunsch nach bloßem Weiterrocken oder dem Umstand verdankt, dass man nichts anderes gelernt hat. Auf dem ersten Studioalbum seit »Send« (2003) gelingt es den drei Gründungsmitgliedern – nur Gitarrist Bruce Gilbert fehlt – gleichzeitig, die eigene Handschrift zu bewahren, modern zu klingen und die nostalgischen Bedürfnisse schwarz gekleideter Adabeis durch eine ausgeklügelte Mixtur aus Bestätigung und Erwartungshorizontbruch zu befriedigen.

    Die Band, der Punk schon zu einer Zeit zu regressiv, entsublimierend und vitalistisch war, als sie sich selbst noch in dessen Epizentrum befand, präsentiert einen 35-minütigen Soundmonolithen von ungeheurer Dichte und Eleganz. Seine dunkel treibende, mit stoischer Energie operierende und auf das Wesentliche reduzierte Simplizität erweist sich mit jedem Hören als raffi nierter. Nahtlos, aber ohne sich selbst zu kopieren, schließen die Meister filigraner Bedrückung an ihre in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre veröffentlichte Album-Trias an. Die »britischen Talking Heads« (Simon Reynolds), die sich von diesen jedoch in ihrer Ablehnung jedweder Art von Groove und Funkyness unterschieden, beerbten den Punk in puncto Schnörkellosigkeit und minimalistischer Askese. Man kultivierte die Kunst des Weglassens. Gitarren frästen abgehackt, stakkatohaft, geometrisierend, dazu sang Colin Newman in breitestem Cockney-Akzent sinntransgredierende Texte, in denen Sprache nicht so sehr als Bedeutungsträger, sondern als klanglich-musikalische Struktur fungierte. Mit ihrer Konzeptkunstvorliebe, intellektuellen Distanz und antileidenschaftlichen Unterkühltheit, die sich vom Debüt »Pink Flag« (1977) bis zum für längere Zeit letzten Album »154« (1979) peu à peu zum musikalischen Permafrost steigerte, widersprachen Wire dem thermischen Paradigma des Punk. Abgesehen davon, dass Newmans Englisch, ohne sich Oxford-Standards zu nähern, an dialektaler Färbung eingebüßt hat und die Gitarren gleichzeitig härter und breiter gestreut, ja fast Nu-Gaze-haft daherkommen, ohne an schneidend-chirurgischer Zersetzungskraft zu verlieren, hat sich nichts Grundlegendes geändert.

    Die dynamisch-pulsierenden Stücke eignen sich hervorragend für lange Nachtfahrten zu letzten Wiedersehensgelegenheiten. Ob »Mekon Headman«, das »I Am The Fly« in die Nullerjahre übersetzt, das Trance erzeugende »Hard Currency« mit seinen sinistren, synthetischen Chören oder »Perspex Icon«, bei dessen Hören man Editors-CDs zu Weizenglasuntersetzern umwidmen will (gerade, wenn man sie mag): Man möchte kein Stück aus diesem hypnotischen Strom herausheben. Und, ja: Man kann und will dringlich dazu tanzen.

LABEL: Pink Flag

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 18.07.2008

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