Zwei mögliche Orte gibt es, an denen die Kritik dieser Platte in dieser Ausgabe von Spex stehen kann: An Nummer eins, am vermeintlichen Platz an der Sonne, womit wir uns in den Chor der selbstverständlich jubilierenden Massen einreihen würden – oder am Ende des diesmonatigen Plattenteils. Als eine andere, spirituellere Form der Ehrerbietung, denn: Last but not least, no way!
Haben sich Wilco mit dem Vorgänger »Yankee Hotel Foxtrot« zuletzt den Respekt auch der Mainstream-Welt erspielt, ist »A Ghost Is Born« die frühe Verneinung von allen offensichtlichen Erwartungshaltungen. Im Gegensatz zum damaligen Soundscape-Akustikfolk-Pop mit der Gabe, dir Tränen in die Augen zu treiben, fordert dich dieses fünfte Album von der ersten Minute an. Keine Gewissheit. Nach zwei zarten Minuten vom Opener »At Least That's What You Said« kommt das erste zaghafte Neil Young-Gedächtnisriff, ein Song entwickelt sich. »Hell Is Chrome« gaukelt dir dann eine fröhliche Klaviernummer vor und bricht schon nach 30 Minuten in sich zusammen, wird zäh und zaghaft. Aber hat eben das Wilco-Gefühl. Doch zu viel der Sicherheit: ein Gitarrensolo muss her. Und im dritten Song »Spiders (Kidsmoke)« kommt dann gleich eine ganze Armee von Krautrock-Anleihen – ziemlich nah an Neu! – ins Spiel und rollt über dich hinweg. In dementsprechend zehn Minuten Laufzeit natürlich. Es bleibt der eindeutigste Ausflug in diese Gefilde, aber der Folk an sich schält sich immer auch nur äußerst zurückhaltend aus den Boxen. »A Ghost Is Born« ist verspielt bis in die letzte Nebelschwade und führt zielsicher jede Ahnung, jede Erwartungshaltung und jedes Vertrauen in den Song in einen nur spärlich beleuchteten Raum voller von der Decke hängender Gänsehäute, die einem wie Spinnweben auf dem Dachboden den Ausblick auf das versperren, was da wohl kommen mag. Doch dem Zufall ist hier nichts überlassen, alles hat seinen Platz, schön unwirklich zurecht gerückt vom Widerhaken-Schöngeist Jim O'Rourke. Gerade auch in den zugänglichen Momenten – wie in »Hummingbird« – einem Song, der die relativ klassische Mitte der Platte einläutet, die sich bei »Wishful Thinking« kurzzeitig wieder austobt und beim neunten Stück, dem Rocker »I'm A Wheel«, in zweieinhalb Minuten gekonnt freischwimmt: »Once in Germany someone said nein, 1,2,3,4,5,6,7,8,9.«
Und dann kommt mit »Theologians« das entspannteste Wilco-Stück, an das ich mich erinnern kann – ein selbstbewusster, abgehangener Poprocker … eine wunderbare Auflösung des zuvor entfesselten Energieschubs, die – natürlich und typisch für das Album – vom 15-minütigen Soundscape-Noise in »Less Than You Think« konterkariert wird, bevor uns das wundervolle »The Late Greats« aus diesem fulminanten Album entlässt: »(…) The best song will never get sung / The best life never leaves your lungs / So good, you won't ever know / I never hear it on the radio / Can't hear it on the radio.«

LABEL: Nonesuch

VERTRIEB: WEA

VÖ: 28.06.2004