Lost-Erfinder Damon Lindelof hat den Comic-Meilenstein Watchmen in die Gegenwart geholt. Seine Serie erzählt von Schmerz, Trauma und Faschismus – und ist doch das erste Standardwerk einer neuen, wachen, hellen Zeit.

Alles beginnt im Schmerz. Die Apokalypse reitet durch Tulsa, Oklahoma. Das Ende ist menschengemacht. Der Ku-Klux-Klan wütet. Bomben fliegen. Leichen werden an Pferde gespannt und durch die Stadt gezogen. Menschen schreien, aus Angst oder Wahn. Schwarze Menschen versuchen Schrotflinten zu entkommen. Schutz bietet nur ein Kino, es nennt sich Dreamland. Während draußen die Schüsse knallen, zeigt es eine Heldengeschichte. Der Held ist Schwarz. Die Kinder im Publikum schenken ihm alle Aufmerksamkeit, während ihre Eltern die Flucht planen. Am deren Ende steht ein Junge auf einer Wiese, ein Baby im Arm, das er in die Überreste einer amerikanischen Flagge gehüllt hat. Am Horizont brennt sich die Zivilisation in die Nacht.

Angela Abar (Regina King) ist Sister Night (Foto: HBO).

Wer von Gesellschaft spricht, spricht letztlich von Geschichten. Jene Sinnstifter, Meinungsmacher und Stimmungsbilder, die sich Menschen gegenseitig erzählen. Um sich über Gemeinsamkeiten und Verbindungen zu vergewissern. Was hält uns zusammen? Was haben wir gemein? Wer glauben wir zu sein – und wer nicht? 

Unsere Identität, kollektiv oder individuell, kommt immer dann ins Wanken, wenn die alten von den neuen Geschichten abweichen. Wenn sich ein altes Narrativ als schmerzhaft fehlerhaft erweist. Wenn der deutsche Rechtsextremismus sich selbst als „bürgerlich“ bezeichnet; wenn es in Großbritannien sehr wohl eine Mehrheit für die Isolation gibt; wenn der_die Durchschnittsamerikaner_in Trump wählt. Nicht trotz seiner Xenophobie, seines Sexismus, seiner offenen Tyrannei, sondern gerade wegen all dem. Der Trump-Schock war und ist ein Angriff auf den Westen und sein Selbstbild. Die Möglichkeit eines Trump-Sieges bei der US-Wahl 2016 wurde bis zum Schluss belächelt, begleitet von unzähligen „Wir sind besser als das”-Stimmen. Weil nicht sein konnte, was nicht sein darf. Doch als Pennsylvania Trump zugesprochen wurde, begann eine Frage in den Köpfen zu keimen: Waren die Geschichten, die wir uns erzählen, alle falsch? Oder noch größer: Wer sind wir wirklich? 

Watchmen will das amerikanische Master-Narrativ umdenken

Damon Lindelof ist ein Geschichtenerzähler. Er hat u.a. den TV-Meilenstein Lost (2004-2010) und den Nischenliebling The Leftovers (2014 – 2017) entwickelt. Nun hat er den Comic Watchmen von Alan Moore und Dave Gibbons neuinterpretiert. Dabei hat er die Geschichte aus dem Jahre 1985 in die Gegenwart verlegt. Die HBO-Produktion ist dabei chronologisch wie auch inhaltlich eine Weiterentwicklung. Eine Aktualisierung. Um über die Welt nachzudenken, in der wir nun leben. Pi mal Daumen braucht es zwei Jahre, von der ersten Drehbuchseite bis zum letzten Tag im Schnittraum, die Erschaffung einer ganzen Serienwelt eher mehr. Was vor allem bedeutet, dass nun Geschichten das Licht der Welt erblicken und diese prägen, die in der Realität Trump entstanden sind.

Lindelofs Watchmen ist das erste fundamentale Erzählprodukt der Trump-Zeit. So selbstbewusst, handwerklich sicher und bombastisch die Serie zuweilen daherkommt, steckt hinter jeder Entscheidung doch eine Fragilität und ein Zweifeln. Der Schmähung Trump wird mit Introspektion begegnet. Das Urvertrauen in den Stolz der eigenen Fähigkeit zum Geschichtenerzählen ist erschüttert. Es muss etwas systematisch, langwierig falsch gelaufen sein, mit dem Fernsehen, mit den Filmen. Die Erzählungen müssen einen Virus in sich tragen. Sonst hätten nicht zu diesem TV-Präsidenten geführt. Watchmen will beides sein für diese toxischen Narrative, Diagnose und Gegengift. Aber der Reihe nach.  

Es beginnt mit dem anfangs beschriebenen Massaker. 1921 reitet der Mob durch den afroamerikanischen Stadtteil Greenwood in Tulsa, Oklahoma. Am Ende werden mehr als 10.000 afroamerikanische Familien obdachlos sein, die Todeszahl wird heute auf über 300 geschätzt. Die Pilotfolge der Serie schleudert das Reenactment dieses Blutbades seinem Publikum entgegen, ein historischer Moment, der sich später als origin story einiger Hauptcharaktere herausstellen wird. Der größte Schock kommt aber erst in der Nachbetrachtung. 

Die meisten US-Amerikaner_innen lernten im Zuge des Serienstarts erstmals von diesem Ereignis, welches mittlerweile den Namen Tulsa Race Massacre trägt. Es wurde aus den Geschichtsbüchern gestrichen, bzw. gar nicht erst hineingeschrieben, in keinem Schulunterricht besprochen und nie Teil einer kollektiven Erinnerung. Die lokale Tageszeitung nahm die Titelseite vom 31. Mai 1921 aus dem Jahresband und die Dateien des Polizeiarchivs über jenen Zeitraum sind verschwunden. Nachdem der Pilot im US-Fernsehen gelaufen war, glaubten viele Lindelof und sein writers’ room hätten das Massaker erfunden. 

Watchmen will das amerikanische Master-Narrativ umdenken. Jener Strang, der immer wieder in der Tautologie mündet: Wir sind die Guten, demnach ist alles, was wir tun, gut. „Wir“ heißt dabei weiß, protestantisch, männlich, hetero. Jimmy Stewart, Jack Nicholson, Robert Downey Jr., derlei. 

Bilder, die beinahe revolutionär zu nennen sind

Wie im Comic steht die Welt auch 2019 vor dem Abgrund. Nur ist Angst vor der atomaren Auslöschung der Achtziger der Bedrohung white supremacy gewichen. Rassismus als zeitloses und ultimatives Übel. Rorschach, den Erzähler sowohl des Comics als auch der Zack-Snyder-Verfilmung von 2009, deutet Lindelof zum Incel um. Die Rorschach-Maske wird nun von den Mitgliedern der Seventh Cavalry getragen, einer Nachfolgeorganisation des Klans.

In der alternativen Geschichtsschreibung der Serie sind die USA augenscheinlich progressiver geworden. President Robert Redford hat den Sozialstaat ausgeweitet und Nachfahr_innen der ehemaligen Sklav_innen sind von Steuerzahlungen befreit. Vor Beginn des TV-Krimis zur Hauptsendezeit erklingt in jedem Haushalt ein trigger warning, ein Text, der vor den schädlichen Wirkungen der nun u.a. sexistischen, unsensiblen Inhalte warnt. Die Sendung heißt American Hero Story. Ein Seitenhieb auf die Banalitäten der US-amerikanischen Popkultur. Ryan Murphys American Horror Story muss als Stellvertreter herhalten, für Film und Fernsehen, die in ihrer Engstirnigkeit Ideen und Vorstellungen von Normalität zersetzen. Amerika als krankende Kultur. Die Superheld_innen und das ewige Sieger_innennarrativ der Geschichte machen es unmöglich, den eigenen Verfehlungen nachzugehen.

Die Superheld_innen in Watchmen jedoch sind vornehmlich Loser, Karikaturen, Feiglinge. Essensreste kleben ihnen im Mundwinkel. An einer Stelle ist es der FBI-Sonderermittlerin Jean Smart (Laurie Blake) vorbehalten, den Zusammenhang von Masken und Trauma zu erörtern. In einer anderen Szene wird Marvel zum infantilen Abwehrmechanismus degradiert – als dominante Erzählung einer Kultur, die es sich vor lauter Prüderie und Selbstheroisierung nicht erlaubt, den eigenen Traumata ins Gesicht zu sehen. 

Doch Watchmen ist eben nicht nur Diagnose. Das Gegengift heißt Repräsentation. Dies geschieht bei Lindelof genauso programmatisch wie beiläufig. Im Willen zur Pluralität entstehen plötzlich Bilder, die beinahe revolutionär zu nennen sind. Da ist die Familie der Hauptfigur Angela Abar (Regina King), die mit ihrem Ehemann Cal (Yahya Abdul-Mateen II) in der Vorstadt lebt. Die beiden sind Schwarz, haben drei Kinder, alle adoptiert, alle weiß. Ein kleines Detail, ein kurzer Moment, den die Serie nie thematisiert und der gerade deswegen kurz aufhorchen lässt. Warum hat mir die Popkultur solche Familienstrukturen bislang vorenthalten? Indem Watchmen Standards umdreht, wie eben jenes von weißen Eltern, die Kinder of Color adoptieren, werden diese gleichzeitig gekennzeichnet und unterwandert.

Fast jede der neun Folgen widmet sich einer anderen Figur. Tonalität und Perspektiven verschieben sich, während der Abgrund lauert. Doch auch hier wird das Superheld_innen-Narrativ aus den Angeln gehoben. Schließlich ist nie klar, was die wirkliche Gefahr ist. Im Pilot sterben Polizist_innen, die Ordnung wird aufgebrochen. Doch wer wo steht, wer was vor hat und wie, daraus zieht Watchmen seine Suspense. Konstanz haben weniger die Storylines als die Themen. Immer wieder geht es um Trauma, was auch in Lindelofs Schaffen die große Konstante ist. Und weil die in Watchmen so elegant und bis in den Himmel gebaute Welt sich mit jeder Szene neue Dimensionen erschließt, werden die individuellen Versuche der Figuren, ihre Vergangenheit zu bewältigen, zu einer kollektiven Anschauung. 

Geschichten sind der Sauerstoff jeder Gesellschaft

Die Serie bildet Referenzen zum 11. September 2001 und findet sich zuweilen in Vietnam wieder. Genau wie in der Comic-Vorlage haben die USA in Watchmen mit Hilfe von Dr. Manhattan, dem einzigen wirklichen Superhelden, den Krieg dort gewonnen. Vietnam ist 51. Bundesstaat. Angela Abar ist dort als Tochter zweier Polizist_innen geboren, ihre Eltern starben vor ihren Augen bei einem Terrorangriff vietnamesischer Separatist_innen. Persönliches und gesellschaftliches Trauma sind in ihr deckungsgleich. Doch Angelas Trauma ist nicht das ihrige allein. Trauma wird vererbt. Weswegen die Serie in Folge fünf einen Umweg nimmt. 

Und was für einen! Angela schluckt die Nostalgie-Tabletten ihres Großvaters. Im Comic war Nostalgie noch ein Parfüm. Nun ist es eine Droge, die Flucht in die verwässerte Vergangenheit ein Symptom, eine Unglücksquelle. Eine weitere von unzähligen Gedanken zur gegenwärtigen Popkultur. In der Mitte der Staffel und im Herzen der Serie findet sich Angela plötzlich im New York der Dreißigerjahre wieder. Sie sieht, was ihr Großvater sah: jüdische Kaufläden werden in Brand gesteckt, Nazis versammeln sich im Madison Square Garden und die Polizei ist unterwandert mit white supremacists, die übrigens schon damals jenes Handzeichen hatten, das unter Trump in die Mitte der Gesellschaft wanderte. Das US-amerikanische Pogrom ist antisemitisch und rassistisch. Angelas Großvater, der selbst Polizist ist, wird von den Kollegen verprügelt und nicht nur an dieser Stelle verbindet sich die Folge visuell und thematisch mit dem Massaker in Tulsa. Watchmen hält Amerika seine faschistische Vergangenheit vor, der Schuldspruch aber begründet sich nicht im Sachbestand allein, sondern darin, dass es dem Land nicht gelungen ist, diese aufzuarbeiten. Die US-Soldat_innen des Zweiten Weltkriegs wurden Greatest Generation getauft. Im Schatten der Auschwitz-Befreiung wurde es unmöglich, zu fragen, ob der Holocaust auch in den USA möglich gewesen wäre. Der eigene Genozid der Sklaverei wurde vorschnell als verarbeitet abgestempelt. Man war ja schließlich great again

Die Geschichten haben versagt. Nicht nur im Heute, auch schon in den Dreißigern. Angelas Großvater legt schlussendlich die Uniform ab, nimmt sich der Kriminalität als selbsternannter Superheld an und tritt den Minutemen bei. Diese erste Miliz (aus der Zeit der britischen Kolonien in Nordamerika) gab es wirklich und ihre Angehörigen werden heute gerade von der amerikanischen Rechten und Pro-Waffen-Aktivist_innen als Helden verehrt. Und so nutzt Angelas Großvater weißes Make-up unter der Superheldenmaske, denn er weiß: „Ein Weißer mit Maske ist ein Held, ein Schwarzer mit Maske … ist gefährlich.“  Als das neueste Mitglied der Minutemen der Presse vorgestellt wird und seinen Kampf gegen den strukturellen Rassismus vorstellen möchte, wird er vom Vorgesetzten unterbrochen. Es wird stattdessen auf den Sponsor der Minutemen verwiesen: ein Kreditunternehmen. In der späteren fiktiven Präsentation der Minutemen in der TV-Show American Hero Story ist Angelas Großvater weiß. Auch über die Verflechtungen von amerikanischem Faschismus und Hyperkapitalismus macht Watchmen Aussagen. Whitewashing als Grundlage für Werbeeinnahmen.

Doch, wie gesagt, in erster Linie geht es in Watchmen um Trauma und um die Frage, wie wir uns erinnern bzw. erinnern möchten. Und so wendet sich zum Ende alles der größten Geschichte zu, die sich der Westen erzählt: die Bibel. Jesus als erster Superheld. Dr. Manhattan, schon im Comic mehr Gott als Held, geht über Wasser und Angelas Großvater, der es bis ins Jahr 2019 geschafft hat, sagt seiner Enkelin: „Wunden müssen atmen.“ Er sitzt dabei wieder im Kino und im Rahmen der großen Geste, der wahnwitzigen Schönheit und Pracht dieser Serie ist all das nicht einmal kitschig.

Geschichten sind der Sauerstoff jeder Gesellschaft. Wo Trump das US-amerikanische Selbstbild des Geschichtenerzählers ins Wanken gebracht hat, da hat er selbiges auch herausgefordert. Watchmen ist das erste Standardwerk einer neuen, wachen, hellen Bibliothek. Viele Geschichten sind voller Schmerz und Trauma. Es ist nicht ihre Aufgabe glücklich zu machen – solange sie nur nichts und niemanden auslassen.

Watchmen
(HBO)
mit Regina King, Don Johnson, Yahya Abdul-Mateem II, Jeremy Irons, u.a.
Erschienen am 04.11.