VOLCANO CHOIR
REPAVE
JAGJAGUWAR / CARGO – 30.08.2013

Das Debütalbum von Volcano Choir wurde aufmerksam beobachtet, weil es Justin Vernons erste musikalische Äußerung nach dem Erfolg von Bon Iver war. Unmap erschien im September 2009, also zu einer Zeit, in der noch nicht abzusehen war, wie Vernon weitermachen würde nach seiner Rückkehr aus dem selbstverordneten Blockhüttenexil, das längst zum Schöpfungsmythos des Bon-Iver-Debüts For Emma, Forever Ago gehört. Das Flatterhafte und Formlose der Songs von Volcano Choir überraschte deshalb selbst Hörer, die dank Bon Ivers Ehrenrunden-EP Blood Bank auf mehr Auto-Tune vorbereitet waren. Unmap zeichnete sich durch eine Feinstofflichkeit aus, die sich kaum vereinbaren ließ mit dem Image des Hinterwäldlers und Bärenbruders, das sich Vernon selbst aufzuerlegen schien.
Mittlerweile wissen wir, dass Unmap ein Versuchslabor war, in dem Sounds und Produktionsweisen durchprobiert wurden, die mit dem zweiten Bon-Iver-Album zu voller Popentfaltung kamen. Vernons Stimme übernahm Doppel- und Dreifachrollen als Leadinstrument, Background-Chor, wortlose Textur oder Kombination aus all dem. Volcano Choir spielten mit Ambient, Post- Rock, Folk und afrikanischer Percussion. Zu keiner Zeit klang Unmap fertig oder festgelegt. Wahrscheinlich ist gerade das seine wichtigste Eigenschaft, die seitdem jedes Vernon-Projekt und damit auch das zweite Volcano-Choir-Album Repave mitbestimmt. Kein Geräusch ist endgültig, alles ist verformbar.
Das Warme und Weiche sind noch immer Kennzeichen der einladenden Soundwelt, die aus dieser Herangehensweise entsteht: Schon in den Orgel-Drone, der das Album eröffnet, möchte man sich reinlegen. Anschließend wird deutlich, dass Repave auf ähnliche Weise von Bon Iver, Bon Iver beeinflusst wurde wie Bon Iver, Bon Iver von Unmap. Vernon überträgt diesmal das Hymnenhändchen seiner Hauptband auf Volcano Choir – plötzlich steht das vermeintliche Experimentalprojekt mit vergleichsweise geraden Songs da. Sanfte Trommelwirbel kündigen die Breitwandmomente an, Chöre bestehen nicht mehr zwangsläufig aus mehreren übereinandergelegten Vernon-Versionen. Die Entstehungsgeschichte von Unmap war ein jahrelanger Mail- und Ideenverkehr. Aus der Griffigkeit von Repave hört man Menschen heraus, die zusammen am selben Ort musiziert haben.
Was es dabei zu greifen gibt, sollte man dennoch nicht mit allzu belastbaren Popsongs verwechseln. Akustikgitarren signalisieren Selbstvergessenheit, geloopte Keyboards und Drums können jederzeit aus der Bahn geworfen werden. Vernons Mitmusiker unterhalten auch das Projekt Collection Of Colonies Of Bees, eine Post-Rock-Band, die das Genre eher aus dem kontemplativen Blickwinkel von The Books betrachtet, als sich an Gipfelstürmern wie Godspeed You! Black Emperor und deren Verfolgerfeld zu orientieren. Für Repave ist ihr Umgang mit akustischen Instrumenten und elektronischer Überarbeitung ebenso wegweisend wie Vernons Verhältnis zur Sprache. Seine sprunghaft assoziierten, grammatikalisch unsauberen Texte hebeln die eigene Bedeutungsschwere immer wieder dadurch aus, dass sie Schlagworte so unbehaglich nebeneinanderstellen, als wären sie vom Google Translator ins Englische übertragen worden.

Repave gibt es derzeit bei npr.org im Stream zu hören. Weitere, ebenfalls von SPEX besprochene Veröffentlichungen dieser Woche: Füxa Dirty D, Kreator Dying Alive und Jackson and His Computer Band Glow.