Review: Tunng / Skallander Good Arrows / Skallander

So kunterbunt wie Tunngs drittes Album gestaltet wurde, von Vanessa da Silva, einer in London residierenden brasilianischen Illustratorin und Modedesignerin, ist es die perfekte Visualisierung ihrer Musik: Wecker, Zange, Glühbirne, Fön, Handschuhe, Bürste und ein Locher sind nur einige der Gegenstände, die da Silva ineinander verschlungen gezeichnet hat. War Tunngs Debüt »Mother’s Daughter and Other Songs« noch ein gelungenes, weil digitales Update des allseits bekannten Neu-Folk-Systems, der beste Glitch-Folk seiner Zeit, so konnten sie mit »Comments of the Inner Chorus« auf weiterhin hohem Niveau wenig Neues hinzufügen. Auf ihrem dritten Album innerhalb von drei Jahren werden nun Harfe, Hackbrett, Moog und Slide Guitar ähnlich wie auf da Silvas Coverzeichnung miteinander verwoben und verdichtet. Vor allem aber, und das ist der bemerkenswerteste neue Aspekt in der musikalischen Entwicklung von Tunng, steht die Band mittlerweile für ein hervorragendes Songwriting, das wundervolle, fröhliche Sonnenschein-Melodiebögen zaubert und überraschende Routen über Stock und Stein unternimmt – und doch so klassisch klingt, als wäre es altes englisches Volksliedgut. Das Digitale im Klang der Band wurde leicht getrimmt und zurückgefahren, sodass man Tunng heute schlicht als Popband bezeichnen kann. Was den Liedern zusätzlich enorm gut tut, ist der andauernde Verzicht auf ein klassisches Schlagzeug, denn noch immer halten sich Tunng an organische Perkussionsklänge, die sie selber aufnehmen. Absätze auf Asphalt, Fingernägel, Muscheln, das Wetzen von Messern – Matthew Herbert wäre stolz auf eine solch ausdrucksstarke Perkussions-Subsistenzwirtschaft. Genders’ Gesang hat sich erneut verbessert, mit einem an Elliott Smith gemahnenden, jedoch selbstbewusster tönendem Timbre. Er singt von schwarzen Steinen, an Fäden aufgehängten Füßen und allerlei anderem Blödsinn. »Good Arrows« ist eindeutig Tunngs beste Platte bisher.

skallander_cover    Skallander zeigen, wie man sich mit anderen Mitteln als Tunng am Folk-Genre abarbeiten kann. Rein akustisch beeindrucken Skallander auf ihrem selbstbetitelten dritten, balladenlangsamen Album mit einer ganz genauen Vorstellung von Sound. Es handelt sich um einen entkernt-psychedelischen Klang aus der Vergangenheit, trotzdem wird man kaum eine Band aus den Sechzigern finden, die tatsächlich identisch geklungen hätte. Der Hall der Instrumente und Stimmen erinnert an die kohäsiven Klangräume Nick Drakes. Das Schlagzeug wird bei Skallander fast komplett ausgespart, an seine Stelle treten gelegentliche, getragen arrangierte Bläser in Moll, Akkordeon, rückwärts gespielte Tonspuren, gehauchtes Summen und vor allem das akustische Gitarrespiel Matthew Mitchells. Sein präzises Fingerpicking lässt dank einer immensen Zugespitztheit und Virtuosität zusätzliche rhythmische Elemente so gut wie überflüssig erscheinen. Überraschende Harmoniewechsel ziehen in die Musik hinein. Ich rede von Melodien, die ähnlich den Kindern im Universum sind, die sich ihre Eltern selbst aussuchen, Melodien also, die zu ihrem Sänger hin streben – in perfekter Einheit mit sich, der Stimme des Mediums, dem Ort und der Zeit. Mit unfassbarer Gelassenheit doppelt Mitchell gelegentlich seinen Gesang. Im Gegensatz zu so vielen anderen Sängern, bei denen dieser Trick zu einem Verlust an Autorität führte, harmonieren die höher und die tiefer aufgenommenen Stimmen in seinem Falle zeitenlos.

LABEL: Full Time Hobby

VERTRIEB: Pias / RTD

VÖ: 24.08.2007

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