Review: Tindersticks The Hungry Saw

Der Tag, an dem die Tindersticks Motown-Platten und Sixties-Soul entdeckten, war kein guter Tag für die Musikgeschichte. Denn seitdem versuchten sie sich drei Platten lang immer mal wieder im Grooven, ohne indes auch nur die kleinsten Abstriche bei ihrem Willen zu machen, traurige Geschichten von den Leiden der Leidenschaft zu erzählen. Das funktionierte nicht, weil einerseits die tollen traurigen Geschichten von Stuart Staples zu viel Aufmerksamkeit beanspruchten, um ihnen beim versunkenen Tanzen noch Beachtung zu schenken. Andererseits lenkten die Grooves von den tollen traurigen Geschichten ab. Musikalisches Signum dieser unkittbaren Kluft war das in den Hintergrund gemischte Streichorchester, vor dem ein Bass-Schlagzeug-Kontinuum den Unterleib stimulierte (»Before You Close Your Eyes«, »People Keep Comin’ Around«). Die Tindersticks wurden zunehmend ›geschmackvoll‹ und machten spannungs armen, smoothen Erwachsenenpop für die 180-Gramm-Vinyl-Käufer. Next exit Clapton. Das Gute damals war: Zu dem Zeitpunkt hatten sie schon drei mittlerweile klassische Studioalben veröffentlicht, die verlassenen Liebhabern seither als unerschöpfliches, affektregulierendes Selbstbemitleidungsreservoir dienen und gleich neben Leonard Cohen, Gavin Friday und Jack Daniels stehen.

    Das Gute heute ist: Die Tindersticks grooven nicht mehr. Auf »The Hungry Saw« ist neben gelegentlichem bläserseligen Neo-Northern-Soul (»Yesterdays Tomorrows«) vielmehr vieles versammelt, wofür man sie von ihrem 1993er-Debüt bis zu »Curtains« (1997) liebte: der bebende und fast schon Isaac-Hayes-Tiefen erreichende Gesang, antiquierte Orgeln, das Klagen eines Fender-Rhodes-Pianos, Streicher, traurige Stories. Die Dringlichkeit der Mitteilung aber, die Stücken wie dem Townes-Van-Zandt-Cover »Kathleen«, der dramatischen Aufgipfelungsballade »Tiny Tears« oder dem forciert wirbelnden Streichorchesterpopsong »(Tonight) Are You Trying To Fall In Love Again« innewohnte, sucht man auf »The Hungry Saw« vergebens – sieht man vom elegischen »Come Feel The Sun« und dem mit spukigen weiblichen Vocals umflorten »All The Love«, dem besten Stück des Albums, ab. Die Musik ist weniger fiebrig und zitternd, die früher beständige Drohung eines Kippens ins Dissonante einer gewissen Kontrolliertheit und Abgeklärtheit im Leidenschaftlichen gewichen. Es gibt auf diesem musikalisch recht heterogenen Album immer noch Sad Songs von Liebe und Abschied, aber sie werden oft mit einer Relaxtheit präsentiert, die nicht mehr wirklich weit von den Darbietungen eines Nachtclub-Crooners entfernt ist. Neu sind auch beschwingt-sommerliche, mit Flöten ausstaffierte Stücke wie »The Flicker Of A Little Girl«, in denen sich eine neue weltversöhnte Leichtigkeit artikuliert. In Momenten wie diesen ist das Listening sehr easy. Auch die sich im Titel äußernde Selbstironisierung dieser britischen Melancholiker – »The Hungry Saw« meint, wie die Coverzeichnung zeigt, die auf das Zerteilen von Herzen spezialisierte Säge – verrät eine als Reifungsprozess interpretierbare Distanzierung vom Ungestüm der Unbedingtheit früherer Tage. Man kann ihnen einen solchen Abstand kaum vorwerfen, aber ich mochte sie lieber ungestüm. Trotzdem ist »The Hungry Saw« die beste Tindersticks-Platte seit mehr als zehn Jahren.

LABEL: Beggars Banquet

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 25.04.2008

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