Review: Tilly And The Wall O

Bei Tilly And The Wall ersetzt das Schuhgeklapper einer Stepptänzerin den Schlagzeugbeat – wann immer von der Band aus Ohama, Nebraska die Rede war, auf diesen Umstand vergaß keiner hinzuweisen. Ein Alleinstellungsmerkmal zunächst, bald das Markenzeichen der Band, im Laufe ihres Bestehens aber auch immer mehr Last, Bürde, Zwang, denn das Publikum erwartete fortan vor allem eines: Es wollte die Stepptänzerin Jamie Pressnall (ehemals Jamie Williams, sie hat Gitarrist Derek Pressnall mittlerweile geehelicht) auf den Tisch steigen und tanzen sehen. Wie ein Zirkuspferdchen. Die Band musste aufpassen, nicht zur Zirkusnummer zu werden.



    Auf »O«, dem dritten Album, wird an mancher Stelle immer noch mit den Eisensohlen geklappert. Das ist aber nur noch Nebensache oder es stampft, wie in »Pot Kettle Black«, einer Girl-Gang Version von White Stripes »Seven Nation Army«, gleich eine ganze Schulklasse. Tilly And The Wall haben sich auf »O« enorm weiterentwickelt: Hin zu einer kompletten Band, die entschlossener und konventioneller als bisher zu Werke geht. Die ihr Songwriting extrem verbessert hat, in jedem Song nach Harmonie und Pop sucht und in ihrer unorthodoxen Herangehensweise nicht mehr so sehr nach bemühtem Experiment klingt. Die Überraschungsmomente bleiben dennoch.

    Die fünf Saddle-Creek-Veteranen, die 2001 aus der Asche u.a. des Bright-Eyes-Vorläufers Park Ave. hervorgegangen sind (Keyboarder Nick White unterstützt heute noch die Live-Sets der Bright Eyes) bringen die widersprüchlichsten Stilelemente auf einen Song: Der shoutende Gesang von Sängerin Kianna Alarid, der immer wieder in dreistimmigen Singalong-Hooks mündet. Die Trompeten, Rasseln, Glocken, das Akkordeon, Xylophon, die stimmig in den Gitarre-Bass-Schlagzeug-Kontext verflochten werden. Wie eben eine Band klingt, die Outkasts »Hey Ya!« genauso covert wie die Violent Femmes und die Pet Shop Boys als Lieblingsband angibt. Lo-Fi der bounct. Americana, der nach Post-Hardcore klingt und doch Sixties ist. Rumpelnder Garagenrock, der plötzlich einen U-Turn zum wavigen Eighties-Bombast vollführt. »Cacophony«, so heißt ein Titel von »O«, ist das ganz und gar nicht.

    

Immer noch zehren Tilly And The Wall von ihrem kindlichen Musikverständnis. Die Band, die sich nach einem Kinderbuch des italienischen Autors Leo Lionni benannt hat und unlängst ihre Version des »ABC Songs« der Sesamstraße aufgenommen hat, verlässt sich komplett auf die Intuition, folgt der spontanen Eingebung, versprüht kindliche Freude, Naivität, Unbekümmertheit, Unschuld – »Wild Like Children « hieß bereits das Debüt. Wenn einer zum Klavier greift, dann klingt das eben auch, wie ein Kind, das zum ersten Mal in die Tasten haut. Doch bevor es anstrengend werden könnte, schafft die Band den Absprung und kümmert sich wieder um den Song. Tilly And The Wall sind ein Bandkollektiv geworden, das den Community-Gedanken auf »O«, ähnlich wie die Broken Social Scene oder die Stars, in ihrer Musik in jedem Takt lebt.

LABEL: Team Love / Rough Trade Records

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 17.10.2008

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