THEES UHLMANN
#2
GRAND HOTEL VAN CLEEF / INDIGO – 30.08.2013

Vor nicht allzu langer Zeit stolperte ich in den Vortrag eines Testcard-Redakteurs im Dachzimmer eines komplexen, hochstöckigen AZs, in dem Tomte vielleicht auch mal gespielt haben, ganz sicher aber Loxiran, die kraftvolle New-School-Hardcore-Band, aus der sich einige Tomte-Mitglieder rekrutierten.
Thees Uhlmann als Solokünstler wird in diesem AZ sicher nicht spielen. Den habe ich vielmehr gerade zufällig im ZDF-Morgenmagazin gesehen, mit seiner neuen Single »Am 07. März«: eine Hommage an einen Tag! Und an ein Land? Trotz des Versuchs, dem Ganzen durch inflationäres Rudi-Dutschke-Namedropping linkes Bewusstsein einzuimpfen, heißt es gegen Ende: »Solange es hell wird / Werden alle Menschen Brüder / Das ist es, was ich mag.« Aha, alle Menschen werden Brüder. Das passt in ungeahnter Dimension zu besagtem Vortrag: Dort ging es darum, dass deutschsprachige Popmusik, die nicht mehr sperrig ist und sich qualitativ gar ihren Befreiervorbildern annähert, also nicht mehr scheitert (im Sinne eines Nicht-Erreichens der Vorbilder), per se schlecht sei, da sie unterschlage, dass sie ursprünglich aus einer notwendig-unterwürfigen Position heraus entstanden ist. Der Vortrag war so etwas wie die Befürwortung einer Verkrampfung deutschsprachiger Popmusik, Tomte galten als Beispiel einer Band, die die Verkrampfung dummerweise irgendwann überwunden hatte.
Der Presse-Info zu Thees Uhlmanns #2 nun ist auf zwei überschwänglichen Papierseiten zu entnehmen, er wäre der deutsche Bruce Springsteen. Und ganz ehrlich: Da ist sie doch wieder, die Verkrampfung – denn mir verkrampft sich alles!
Musikalisch dicht und solide produziert, dann aber in einem unaufgeregten, müden Sing-Sang vorgetragen und textlich die Destillation einer Schlagersendung (»Ich wäre so gern ein Schaf / Ein Schaf in deiner Herde / Doch es gibt keinen Schäfer / Der über uns wacht«), ist das zweite Soloalbum Thees Uhlmanns so glattgeschliffen, dass fast kein Holz mehr übrig ist. Alle Ecken und Kanten, die Uhlmanns Stimme früher, am Anfang von Tomte, so einprägsam machten und vielleicht angemessen verkrampften, sind einem Abarbeiten an immer wiederkehrenden Melodiemotiven gewichen; das gesamte Vokabular hat eine obskure militärische Färbung und bedient sich einer – nennen wir es: Heimattümelei, schreit unmissverständlich: WIR!
Vielleicht will Thees Uhlmann das auch genau so und genau dadurch: erfolgreiche Popmusik machen. Aber es ginge genauso erfolgreich, ohne dabei die erarbeitete Eigenständigkeit zu verschenken und: auch ohne solch opportunistische Hinwendungen. Und warum ich mich so aufrege? Nun ja: Eigentlich bin ich ein wenig traurig darüber.