Review: The Veils The Runaway Found

Huch, was ist das denn? Meine momentan bevorzugte musikalische Kost ist im Mittel böse und gemein und auf einmal berührt mich breitester Britpop? Nun, »The Runaway Found« ist Intensität zum Quadrat, dabei in angenehmer Weise larmoyant und pathetisch und auch wenn Finn Andrews – einem englischen Magazin nach – singt wie ein brünftiges Walross, im musikalischen Sinne nicht angriffslustig. The Veils wirken so, als wollten sie dem Zuhörer hinterrücks ans Zeug. Dieser Verdacht erhärtet sich spätestens durch das Video zu »Lavinia«. Herr Andrews geht hier den entscheidenden Schritt weiter, den Richard Ashcroft im The Verve-Video zu »Bittersweet Symphony« vorangegangen ist. Man sieht anhaltend ausschließlich sein Gesicht vor dunklem Hintergrund und er singt frontal und sehr close in die Kamera. Und während man anfangs noch ein wenig belustigt überlegt, ob der gute Mann nicht doch übertreibt oder vielleicht einfach nicht ganz knusper ist, hat er einen schon am Kragen.
    Das hier ist zu nah, geht eigentlich zu weit und ist dadurch gut. Flugs wird man vom Voyeur zum Beobachteten und kann trotzdem, wie bei einem Unfall, seinen Blick nicht lösen, auch wenn es im Gegensatz zur Schönheit der Musik manchmal durchaus unangenehm wird. Musikalisch erinnert »The Runaway Found« nämlich vor allem an frühe Suede-Veröffentlichungen, was sicher nicht zuletzt mit dem produzierenden Wirken von u.a. Ex-Suede Bernhard Butler zu tun hat. The Veils klingen in all ihrer Tragik dabei überhaupt nicht peinlich, sondern transportieren vielmehr eine Art Unschuld, was durchaus an ihrem Alter liegen kann, denn Finn Andrews ist erst 20 Jahre alt. Vielleicht verhält es sich aber auch einfach ein ganz kleines bisschen so wie beim Stockholm Syndrom, mit der Musik selbst als Geiselnehmer. Also quasi als offensives, emotionales Unter-Druck-setzen, bis man sich dem Verursacher nahe fühlt. Damit wäre zumindest ich unschuldig, denn auch wenn ich nicht unbedingt daran glaube, dass man in seiner Sturm und Drang-Phase – the first cut is the deepest-like – unbedingt die essenziellsten Erfahrungen macht, deren Intensität im günstigsten Fall in die Musik rübergerettet werden kann, so haben The Veils vermutlich genau das mit ihrem ersten Album geschafft.

LABEL: Rough Trade Records / Sanctuary

VERTRIEB: Zomba

VÖ: 19.01.2004

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