Review: The Streets The Hardest Way To Make An Easy Living

Nur zu gerne würde ich meine geschriebenen Worte zu Mike Skinners letztem Album »A Grand Don’t Come For Free« (SPEX 05/04) hier noch einmal wiederholen, denn nur selten ist man als »Kritiker« so einverstanden mit seinem Geschwätz von gestern, und tatsächlich haben meine emphatischen Danksagungen von damals angesichts »The Hardest Way To Make An Easy Living« wenig von ihrer Gültigkeit eingebüßt. Sie müssen eben nicht, wie zumindest leise befürchtet, revidiert werden.

    Paradoxerweise, aber so ist das nun mal mit der Popmusik, wird dem einen oder anderen Kritiker, Hörer oder Fan genau dieser Umstand ein Dorn im Ohr sein; dass The Streets nämlich auch beim dritten Album immer noch The Streets sind. Vorwurf: Der macht ja immer das Gleiche. Meint: Ist nicht mehr neu, sondern bekannt, Schema und Thema sind durch und werden nur noch leicht variiert, folglich ist das weniger aufregend, bis auf »zwei Hits« langweilig. Und deshalb natürlich auch keine »Platte des Monats«. Ist das so?

    Zunächst: Wer zweimal leer ausgeht, sollte wenigstens beim dritten Mal ganz oben auf dem Treppchen stehen. Es gibt, dafür musste man nicht erst wochenlang Biathlon gucken, auch in der Popkultur nachhaltige und ausgleichende Gerechtigkeiten. Wie sollte man dem mit Abstand immer noch coolsten Typen zeitgenössischer Popmusik heuer die nötige Ehre erweisen, wenn man ihm zuvor bereits zwei große Storys, davon eine Titelgeschichte, gewidmet hatte? In diesem Heft darf Mike Skinner mit Torsten Schmidt Musik hören (oder umgekehrt), auf einen »normalen« Artikel haben wir verzichtet. Ist es dann aber nur Zufall, wenn Mareike Foecking bei dieser Gelegenheit so großartige Fotos von Skinner gelingen, die sich kaum zwischen Cover und bester Modestrecke ever entscheiden können? Hat dieser Typ einfach etwas, was andere nicht haben?

    Die Schnittstellen, die Mike Skinner, bewusst oder unbewusst, dem Rezipienten anbietet, um sich ihm und seiner Musik anzuschließen, sind zahlreich und verführerisch. Es fängt schon an mit der gewohnt lässigen Authentizität seines Storytellings, die er auch auf »The Hardest Way …« vorzüglich inszeniert. »As difficult as it was, I knew the most entertaining thing I could do was to tell the truth«, sagt er selbst über den Prozess, dem Album ein, ja, SEIN Thema zu geben. Nach der furiosen Exposition »Original Pirate Material«, die in das Leben des »Geezers« und dessen Umfeld einführte, und der darauf folgenden, nicht weniger grandiosen Novelle »A Grand Don´t Come For Free« hält Skinner sich nun den Spiegel vors Gesicht und beschreibt in aller Lustigkeit, Absurdität, Traurigkeit und Drastik, wohin ihn seine Reise bislang führte: in Tyrannis. But he likes it! Was liegt auch näher, als die eigenen Nervenzusammenbrüche, Drogen- und Saufexzesse zum Sujet eines Pop-Albums zu machen? Ein Grundprinzip seines Potenzials trifft er damit einmal mehr auf den Kopf: Jungs identifizieren sich hochgradig mit diesen Geschichten, mit dem Fame genauso wie mit dem Abfuck, während die Girls seine Ehrlichkeit, seinen Appeal lieben, wie sie auch seine Arschlochhaftigkeit und sein Losertum als normales Abfallprodukt des großen Excitements verstehen, welches er mit sich führt wie andere Typen ihr Laptop.

    Und nach wie vor hat das multikulturelle Projekt The Streets nicht den Kontakt zur Straße und deren Beats verloren, die Musik scheppert und kracht immer noch roh und Low-Fi aus dem Computer, kein überbezahlter Starproduzent, kein Angeber-Gefeature weit und breit. Die Konsequenz, mit der Skinner sein Ding durchzieht, ist schlicht einzigartig. Während Robbie Williams, Morrissey und demnächst auch die Pet Shop Boys überaus seltsame neue Alben veröffentlichen, macht er eben immer noch das Gleiche. Never change a winning team.

LABEL: 679 Recordings

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 07.04.2006

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