Review: The Sleeping Years We’re Becoming Islands One By One

Der Nordire Dale Grundle, der nach zwei Alben mit seiner Band Catchers und drei EPs unter dem Namen The Sleeping Years jetzt sein Album-Debüt vorlegt, macht Musik für schüchterne Nach-unten-Gucker und Lyrikband-in-den-Händen-Halter: für alle, die zu jung sind, um The Smiths noch mitbekommen zu haben. Dabei ist die Stimmung der meist getragenen zehn Songs ländlich-pastoral, ohne dass allerdings gleich von Folk gesprochen werden müsste. Sie scheinen für die letzten Tage des Sommers geschrieben, hinter denen sich die Stürme und Wirbel herabfallenden Herbstlaubs für sensible Geister schon erahnen lassen.

    Dass Grundle ein solch sensibler Geist ist, betont er in seiner Musik mitunter fast zu stark. Die Intonation seiner zarten und doch von großer Präsenz gekennzeichneten Stimme erinnert sowohl an die des ehemaligen Suede-Sängers Brett Anderson als auch an jene des stimmgewaltigen The Veils-Vokalisten Finn Andrews. Sie ist brüchig, feinnervig, ein wenig verhuscht und läuft häufig in eine Art zitterndes Gurren aus. Man kann das hassen – oder sich hoffnungslos darin verknallen. Selbst bei Uptempo-Stücken hängt der von melancholischer Abenddämmerung eingedunkelte Himmel voller einsamer Streicher, wie man sie aus dem Frühwerk von Neil Hannons Divine Comedy noch in guter Erinnerung hat. Ein Cello klagt auf hohem Niveau. Es signifiziert eher Nachdenklichkeit als Verzweiflungsabgründe.

 

 
The Sleeping Years – We’re Becoming Islands One By One (Talitres Records / RTD)

    Die Ausgeglichenheit dieser organisch instrumentierten und meist von Akustik- oder dezenten E-Gitarren dominierten Tracks mit ihren im Hintergrund leise gurgelnden Orgeln steht oft im Kontrast zur existenziellen Emphase ihrer gesanglichen Vortragsweise. Die melancholische, cellodurchwirkte Ballade um den Abschied von unbeschwerten Mädchentagen, »Dressed For Rain«, hätte auch auf Nick Drakes Album »Five Leaves Left« (1969) keine schlechte Figur gemacht. Das Schluss- und Titelstück »Islands« ist wie geschaffen für Adoleszenten, die bei Regen durch die nächtliche Stadt laufen und der Tiefe ihres eigenen Empfindens nachlauschen – eine Verhaltensweise, die so lächerlich wie unverzichtbar ist.

    Wem Coldplay zu sehr nach der Meditations- und Gefühlspause klingen, die sich auch der BMW-Cabrio-Fahrer zwischendurch mal gestattet, und wer auf der anderen Seite den Gothic-Folk Sophias in seinem gravitätischen Schreiten als zu trauermarschaffin empfindet, der sollte The Sleeping Years eine Chance einräumen. Vielleicht wird ein Platz im Herzen daraus.

LABEL: Talitres Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 28.04.2008

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