Review: The Mitchell Brothers A Breath Of Fresh Attire

London ist so was von back on the map, da kannste sagen, was du willst. Grime, ja ja, erzählen mir immer wieder befreundete Langweiler, sei ja ein Presse-Hype, sei Dizzee Rascal und ein paar Kopien, sei eigentlich schon am Ende, bevor er je hier ankam. »Falsch!«, erwidere ich dann immer, nicht nur, weil es den Londoner Protagonisten eh ziemlich egal ist, ob sie überhaupt irgendwo anders ankommen als auf den eigenen Straßen und in den eigenen Clubs, den Pirate Radios und richtigen Köpfen. Klar ist es ein Klischee, aber es stimmt mal wieder: Um London Thingz zu bewerten, muss man nach London fahren und sich umgucken, umhören, bewegen. Dortige Grime-Umtriebe werden es dir danken.
    Da konnte und kann man zum Beispiel erleben, wie Genosse Kano lässig die Dinge in Sachen Grime- und Hiphop-Fusion auf höchstem Niveau und Albumlänge vorantreibt und die 19-jährige, gerade von Jay-Z gesignte Lady Sovereign jegliche Insel-Konkurrenz in Grund und Boden reimt. Somit müsste, so hatte ich gedacht, das erste Skinner-Signing korrekt den Kreis schließen und gleichzeitig die Welt außerhalb der Black Britannia anbinden.
    Beim ersten Hören hielt sich meine Freude allerdings in Grenzen. Klang das Zeug dieser Gebrüder Mitchell, das Journalisten und Nerds mit Namen wie Low-Grime und R´n´G betiteln, erst mal nur nach okay-coolem Lofi-Dings, nach britischer Hiphop-Platte im Demo-Sound mit Londoner Beatästhetik, nach einer Underground-Sache mit vielleicht zwei, drei Semi-Hits, entpuppt es sich mittlerweile als ebenso genialer wie real und lustig deliverter Pop-Entwurf. Wie sich das änderte: genaues Hinhören und kräftiges Sickernlassen. Dann drehte sich jeder Track, der von Skinners wie immer sicher sitzenden Beats läuft, wie das Carling die Kehle runter, langsam in den Arsch, das Gehirn und meinetwegen auch die Eier. Ein wahres Album, Baby, mit Reimen und Texten voller Wortwitz und Anliegen, die augenzwinkernd und adäquat den fast Beavis&Buttheadschen Bruder-Beef um den richtigen Fußball-Verein oder das verkackt-versoffene A&R-Treffen mit dem Typen von Warner mit alltäglichem Bullen-Rassismus, dem wenigen Geld in der Tasche oder der großen Liebes-Tragik verbinden. Hier geht es weniger um neue Levels in Sachen Reim and Produktion, sondern um den Soundtrack des urbanen Alltags, der uns endlich, haha, gerade von Mike Skinner, dem erfolgreichsten Whitey der vermeintlichen Szene, endlich mal aus afro-britischer Perspektive durch die nächsten Monate tragen wird. Wir sehen uns in den Jahrescharts.

LABEL: The Beats

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 11.11.2005

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