Review: The Mars Volta De-Loused In the Comatorium

Drei Worte, die reichen: »beautiful, delicate, violent«. Sagt über ihr Album die Band, deren aktuelle Fotos man als Freund humoriger Betrachtungsweisen mit »Wer so aussieht, braucht Geld« betiteln könnte. Hier soll nun was weit Dürftigeres vonstatten gehen: übelste Fanzine-Schreibe. Der Zweck heiligt die Mittel. Über The Mars Volta zu schreiben ist, wie zu Akupunktur zu stanzen: Pieksen und gepiekst werden. Einmal daneben, ist der eigene Nerv hin. Kopfkino auf Papier? Nein, gerissen habe ich mich darum nicht (obgleich vor Monaten darüber getagträumt). Zu groß die Verantwortung. Es ging die Kunde, Led Zeppelin würden Besuch von Giganten ihrer Größe bekommen. Mein Ding war dieser Zickezacke-Hühnerkacke-Progrock ja nie. Die Erben der Idee spielten bei Dream Theater, drucks, und Tool, kotz. The Mars Volta sind viel mehr vertrackte Schönheit als Prog. Die ersten Live-Aufnahmen aus Santa Barbara und deren Hall, der Rausch, das Meer, die Magie werdenden Lichter der Straße, sanft gebettet in den zartlila Momenten, bevor die Nacht einbricht. Die bodenlosen, dahin improvisiert anmutenden Kompositionen erteilten den Gedanken sturmfrei. Wer sind diese Männer aus El Paso, die Meilensteine kickend durch die Gegend ziehen? Zuweilen wünsche ich, ich könnte den Kopf an ihre Herzen pressen, so fest, dass mein Ohr jeden einzelnen Pulsschlag auffrisst. Den Puls dieser Musik, der die flatternden, abenteuerlichen Rhythmen sind, die dich vom Regenwald zu den anmutigen Salsafrauen Lateinamerikas schubsen, aber bei aller Wildheit die westliche Coolness nicht abschütteln können. Das von Rick Rubin betreute und von Storm Thorgerson grafisch noch mal hochgepushte Konzeptalbum basiert auf dem kurzen Leben eines Freundes, der es »to it's fullest« lebte und nach einem Aufenthalt im Koma Selbstmord beging. Tragischerweise starb Ende Mai auch Jeremy Ward an einer Überdosis, das Bandmitglied, auf dessen Konto Bixlers Stimme geht, die sich experimentell durch das Album echot, gurgelt, säuselt und metzelt. Die Einflüsse reichen von einem Anflug der frühen At The Drive-In bis zu Flokati-Soli der 70er Jahre. Nun lässt sich mit Referenzen keine musikalische Revolution herbei argumentieren. Die Texte blieben charakteristisch. Es schrieb das Musikmagazin Blender: »The lyrics sound like the band's hobbies include getting high and flipping through the dictionary >Dude, Inertiatic! Lets put it in a song!<« Auf oberflächliche Presse reagiert die Fangemeinde verletzlich: »That was, by far, the worst piece of writing Ive ever seen.«. Trifft vielleicht auch darauf zu. Was bleibt, ist die Überzeugung, dass The Mars Volta absolut einzigartig sind. Spektakulär. Bahnbrechend. Punkt.

LABEL: Motor Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 03.06.2003

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