Review: The Magnetic Fields Distortion

Stephin Merritt ist New Yorker Multiinstrumentalist. Er macht seit Beginn der 90er Jahre verwaschenen Low-Fidelity-Gitarre-meets-Synthie-Pop und wird kultisch verehrt. Seit seiner gigantomanischen Veröffentlichung eines Drei-CD-Sets mit dem Titel »69 Love Songs« im Jahr 1999 finden er und seine Band The Magnetic Fields auch außerhalb der Indie-Nerd-Nische Beachtung.

    Merritt ist besessen, hat Hunderte von Songs geschrieben und betreibt neben seiner Hauptband noch die Projekte The Gothic Archies (parodistischer Gruftie-Rock), Future Bible Heroes (zusammen mit Christopher Ewen komponierter ergreifender Synthiepop, teils mit der wundervollen Stimme der Merritt-Managerin Claudia Gonson) und The 6ths (bei deren Veröffentlichungen Merritt seine Songs von anderen Sängern interpretieren lässt). Zuletzt steuerte Merritt für die Hörspieladaption der mitunter als Harry Potter für Anspruchsvolle gehandelten amerikanischen Bücherreihe »A Series Of Unfortunate Events« aus der Feder des fiktiven Autors Lemony Snicket – alias Magnetic-Fields-Teilzeitakkordeonist Daniel Handler – hinreißende Stücke um Mord, Totschlag und allgemeines Horrorelend bei. Das Ganze wurde 2006 als The-Gothic-Archies-Veröffentlichung unter dem Titel »The Tragic Treasury« auf einer CD kompiliert. Im selben Jahr veröffentlichte der ruhelose Mann unter dem Titel »Showtunes« auch noch die Essenz seiner drei Musicalarbeiten für den chinesischen Regisseur Chen Shi-Zheng, interpretiert von Sängern, die teilweise schon auf »69 Love Songs« zu hören waren.

    Nun also erscheint nach »i« (2004) wieder ein richtiges Album des Quartetts The Magnetic Fields. Bei »Distortion« macht sich abermals die Vorliebe des ehemaligen Filmstudenten und mit Semiotiktheorie beschäftigten Merritt für Konzepte bemerkbar: War/ist es bei The 6ths das der Unaussprechbarkeit – ein Album heißt »Wasp´s Nests«, ein weiteres »Hyacinths And Thistles« –, bei der berühmten Trilogie das der ausschließlichen Veröffentlichung von Liebesliedern (und das der sexualchoreografischen »Stellung 69«) sowie bei »i« das des Beginns aller Songs mit dem Titelbuchstaben, so ist es nun das Phänomen der Verzerrung, das als formale Klammer von »Distortion« fungiert: Jeder der dreizehn Songs ist auf die eine oder andere Weise zum Gegenstand leichter Übersteuerung, klanglicher Verwischung und Dekonturierung geworden.

    Low-Fidelity-Pop, der klingt, als sei er im Luftschutzkeller aufgenommen worden. Pianotupfer und etwaige sonstige instrumentale Details und Klangfarben fallen meist den allenthalben sägenden Gitarren zum Opfer, die dennoch niemals das Prinzip Pop-Song in Richtung atonaler Entgrenzung zu sprengen versuchen. Das klingt abwechselnd wie Psychocandy for the Masses und Surfpunk für Dark Waver.

Wie gewohnt ist die Stimmung von optimistischer Durchhalteparolenhaftigkeit weit entfernt: Der brummige Bariton eines, der alles schon einmal gesehen hat und sich darob fragt, weshalb er noch mittun soll im Weltentrubel, bringt sich wieder und wieder mit kauzigen bis tragikomischen Geschichten von unerfüllter Liebe zur Geltung. Auf ungefähr der Hälfte des Albums wird dieser Merrittsche Lebensüberdruss durch Gesangseinlagen Claudia Gonsons und Shirley Simms´ (?) – bei dem Sound mag man sich da ohne Waschzettel nicht festlegen – wohltuend aufgehellt.
Ein bisschen ähnelt das Hören von »Distortion« der deprimierenden Erfahrung des Diskobesuchers, der von der Klokabine aus gezwungen ist zuzuhören, wie gerade sein absolutes Lieblingsstück aufgelegt wird: Man möchte das Ganze nochmal in transparent hören, denn unter den schweren dämpfenden Feedbackschleiern wird – nachdem der erste Schock überwunden ist – nichtsdestotrotz deutlich, dass sich hier wahre Nevergreens versteckt halten. Einer davon heißt »Xavier Says«, wird von Gonson zu leirigen Synthies vom Trödler gesungen und versprüht genau jene euphorisierende Melancholie, die großen Pop eigentlich immer auszeichnet, ein weiterer trägt den Namen »I´ll Dream Alone« und ist mit herrlichen Walker-Brothers-Hooklines versehen.

    Stephin Merritt, der schüchterne Kettenraucher und Chihuahua-Liebhaber mit den meist traurigen Augen, bei dessen Anblick sofort Helferkomplexe aktiviert werden, hat es wieder einmal geschafft, ein Dutzend potenzieller Hits als Bedsit-Recordings eines unverbesserlich strangen Indie-Weirdos zu camouflieren. Vielleicht sollte er über ein Geschwisteralbum mit dem Titel »Clarity« nachdenken. Es muss ja nicht gleich von Trevor Horn produziert sein. Oder ein neues Future-Bible-Heroes-Album auf den Weg bringen.  

LABEL: Nonesuch

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 25.01.2008

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